Aktionäre ziehen gegen New York Times vor Gericht: Israel-Berichterstattung im Zentrum

Aktionäre ziehen gegen New York Times vor Gericht: Israel-Berichterstattung im Zentrum


Ein staatlicher Pensionsfonds und ein weiterer Aktionär verlangen Einblick in interne Kontrollunterlagen der „New York Times“. Im Zentrum stehen schwere Vorwürfe zur Israel-Berichterstattung, Korrekturen der vergangenen Jahre und Aussagen einer früheren jüdischen Mitarbeiterin. Die Zeitung weist zentrale Kritik an ihrer Berichterstattung zurück.

Aktionäre ziehen gegen New York Times vor Gericht: Israel-Berichterstattung im Zentrum
Bildnachweis: Kurt Kaiser / Quelle

Der Streit um die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen-Berichterstattung der „New York Times“ erreicht die Gerichte. Die State Board of Administration of Florida, die den Florida Retirement System Trust Fund verwaltet, und das National Center for Public Policy Research haben am Mittwoch beim Supreme Court des Bundesstaats New York in Manhattan einen Antrag gegen die New York Times Company eingereicht. Sie wollen den Medienkonzern zwingen, interne Unterlagen über die Kontrolle journalistischer Standards, QuellenprüfungQuellenkritik: Informationen richtig prüfenQuellenkritik bedeutet, Herkunft, Zuverlässigkeit, Interessenlage und Aussagekraft einer Quelle zu prüfen. Sie ist wichtig, um Fakten von Gerüchten, Propaganda und Desinformation zu unterscheiden.Mehr lesen und Korrekturverfahren herauszugeben.

Wichtig ist dabei, worum es juristisch tatsächlich geht: Das Gericht soll derzeit nicht feststellen, ob die „New York Times“ antiisraelisch berichtet hat. Die Antragsteller verlangen zunächst Einsicht in Unternehmensunterlagen. Sie argumentieren, als Aktionäre überprüfen zu dürfen, ob der Verwaltungsrat jene Risiken ausreichend kontrolliert, die aus fehlerhafter oder als voreingenommen wahrgenommener Berichterstattung für den Unternehmenswert entstehen können.

Das ist keine nebensächliche Konstruktion der Kläger. Die New York Times Company bezeichnet ihre eigene Reputation in ihrem Jahresbericht an die US-Börsenaufsicht SEC ausdrücklich als zentralen Vermögenswert. Dort warnt das Unternehmen selbst davor, dass der Eindruck unzuverlässiger oder voreingenommener Berichterstattung der Marke, den Abonnentenzahlen und damit letztlich dem Geschäft schaden könnte.

Genau an diesem Punkt setzen die Aktionäre an.

Vom Kristof-Streit zur Klage

Ausgangspunkt war eine Kolumne von Nicholas Kristof vom 11. Mai 2026 über angebliche sexuelle Gewalt gegen palästinensische Gefangene. Darin wurden außergewöhnlich schwere Vorwürfe erhoben, darunter die Behauptung, Hunde seien zur sexuellen Misshandlung von Gefangenen eingesetzt worden.

Das National Center for Public Policy Research verlangte daraufhin bereits Ende Mai über das National Jewish Advocacy Center Einsicht in bestimmte Unterlagen der New York Times Company. Gefordert wurden Informationen darüber, wie Quellen geprüft, rechtliche Risiken bewertet, Korrekturen behandelt und redaktionelle Standards auf Unternehmensebene überwacht werden.

Die „New York Times“ verteidigte Kristofs Beitrag. Opinion-Chefin Kathleen Kingsbury erklärte später, die von Kristof selbst berichteten Aussagen seien vor Veröffentlichung intensiv geprüft und mit unabhängigen Quellen abgeglichen worden. Nach erneuter Prüfung der Einwände hätten die Redakteure keine sachlichen Fehler festgestellt.

Zu den Kritikern gehörte allerdings auch Israels früherer Ministerpräsident Ehud Olmert. Er war in Kristofs Beitrag zitiert worden, erklärte anschließend jedoch, seine Äußerungen bestätigten die zentralen Anschuldigungen nicht und seien in einen Zusammenhang gestellt worden, der seine Position falsch erscheinen lasse.

Nachdem die New York Times Company die verlangten Unterlagen nicht herausgab, wurde die Forderung nach Angaben der Antragsteller sogar eingeschränkt. Statt redaktioneller Materialien wollten sie vor allem Dokumente zur Unternehmensaufsicht sehen. Auch dies lehnte die Times nach Darstellung der Kläger ab. In der nun eingereichten Petition heißt es, die Unternehmensanwälte hätten am 1. September erklärt, auch auf die eingeschränkte Anfrage keine Dokumente liefern zu wollen.

Damit landete der Konflikt vor Gericht.

Frühere Fehler werden jetzt Teil der Akte

Die 48-seitige Petition geht jedoch weit über Kristofs Kolumne hinaus. Sie führt mehrere Beispiele an, mit denen die Antragsteller ihren Verdacht begründen, dass die Kontrolle journalistischer Standards möglicherweise nicht ausreichend funktioniere.

Eines davon ist die Berichterstattung über die Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen im Oktober 2023. Die „New York Times“ hatte zunächst prominent palästinensische Angaben aufgegriffen, wonach ein israelischer Luftangriff Hunderte Menschen getötet habe. Später veröffentlichte die Redaktion eine ungewöhnlich deutliche Anmerkung und räumte ein, sich in der ersten Berichterstattung zu stark auf Angaben der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen gestützt und nicht ausreichend kenntlich gemacht zu haben, was zu diesem Zeitpunkt tatsächlich überprüft werden konnte.

Auch jüngere Vorgänge spielen in der Debatte eine Rolle. Erst im September entfernte die Zeitung aus einem Artikel den Satz, Israelis betrachteten sich „noch immer weitgehend als Opfer“ des 7. Oktober. In einer redaktionellen Anmerkung erklärte die Times anschließend, ein Bearbeitungsfehler habe unbeabsichtigt den Eindruck erweckt, der Opferstatus der Israelis sei lediglich eine Frage ihrer eigenen Wahrnehmung.

Hinzu kommt eine inzwischen veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung der Gaza-Berichterstattung der Zeitung, die erhebliche Unterschiede bei Gewichtung und Darstellung israelischen und palästinensischen Leids feststellte. Auch diese Studie wird in der Gerichtseingabe angeführt. Die Untersuchung beweist keine politische Absicht einzelner Journalisten, liefert den Klägern jedoch zusätzliches Material für ihre Forderung nach Einblick in die internen Kontrollstrukturen.

Besonders brisant sind Aussagen einer bislang nicht namentlich genannten ehemaligen Mitarbeiterin der Zeitung. Laut Klageschrift arbeitete die jüdische Journalistin ungefähr ein Jahrzehnt im Videobereich der Times und habe seit 2019 mindestens 15-mal interne Beschwerdewege genutzt, darunter EthicsPoint, die Standards-Abteilung, Employee Relations und die Personalabteilung.

Sie behauptet, immer wieder auf aus ihrer Sicht antiisraelische Voreingenommenheit und Verstöße gegen journalistische Standards hingewiesen zu haben. Die Petition zitiert unter anderem eine angebliche Antwort aus dem Personalbereich: Wenn ihr die Werte des Hauses nicht gefielen, solle sie möglicherweise einen Arbeitsplatz suchen, dessen Werte besser zu ihren eigenen passten. Diese Darstellung ist bislang eine Behauptung der Kläger auf Grundlage des Materials der ehemaligen Mitarbeiterin und keine gerichtlich festgestellte Tatsache.

Auch Vorgänge unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 werden geschildert. Nach Angaben der Whistleblowerin habe ihre Redaktion noch nach Veröffentlichung israelischer Aufnahmen nach Belegen dafür gesucht, dass sich unter dem Shifa-Krankenhaus möglicherweise doch keine von der Hamas genutzten Tunnel befänden. Sie behauptet zudem, ein Redaktionsleiter habe noch am 20. November 2023 von „angeblichen Tunneln“ gesprochen.

Auch hier gilt: Das Gericht hat diese Darstellung bislang weder geprüft noch bestätigt.

Genau diese Trennung ist wichtig. Der jetzt beginnende Rechtsstreit beweist nicht, dass die New York Times ihre Israel-Berichterstattung politisch manipuliert hat. Er zeigt jedoch, dass die seit Jahren erhobene Kritik inzwischen nicht mehr allein in Medienanalysen, Leserprotesten oder politischen Auseinandersetzungen stattfindet. Aktionäre verlangen nun unter Berufung auf Unternehmensrecht Einsicht in die Mechanismen hinter den Kulissen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Kläger ausdrücklich erklären, sie wollten der Redaktion keine bestimmte Berichterstattung vorschreiben. Sie wollen wissen, ob der Verwaltungsrat kontrolliert, ob die von der Zeitung selbst verkündeten journalistischen Regeln tatsächlich funktionieren.

Eine unmittelbare Stellungnahme der New York Times Company zu der am Mittwoch eingereichten Petition lag Reuters zunächst nicht vor. In den vorangegangenen Kontroversen hatte die Zeitung jedoch den Vorwurf zurückgewiesen, ihre Israel-Berichterstattung folge systematisch politischen Vorgaben, und insbesondere Kristofs Kolumne ausdrücklich verteidigt.

Damit geht es inzwischen um mehr als einen umstrittenen Artikel.

Es geht um eine ungewöhnliche Frage für eines der mächtigsten Medienhäuser der Welt: Wer kontrolliert eigentlich, ob die Kontrolleure ihre eigenen Regeln einhalten?

Thematische Einordnung



Autor: Redaktion
Freitag, 25 September 2026

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