Hamas Verbrechen und die sofortige RelativierungHamas Verbrechen und die sofortige Relativierung
Kaum wird über sexualisierte Gewalt der Hamas gegen israelische Opfer gesprochen, beginnt die Gegenrechnung. Nicht Aufklärung steht dann im Mittelpunkt, sondern die Angst, Israel könne als Opfer sichtbar werden.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Es gibt eine Form der Relativierung, die nicht offen sagt, Hamas-Verbrechen seien in Ordnung. Sie funktioniert leiser, aber nicht weniger zerstörerisch. Sie beginnt mit einem scheinbar vernünftigen Satz: Man müsse doch auch über die andere Seite sprechen. Genau in dem Moment, in dem Berichte über Vergewaltigungen, Entführungen, Erniedrigungen und sexuelle Gewalt gegen israelische Opfer öffentlich werden, wird eine zweite Erzählung daneben gestellt. Nicht später, nicht nach sorgfältiger Einordnung, nicht in einem eigenen Zusammenhang, sondern sofort. Als dürfe die Hamas niemals allein im Licht ihrer eigenen Taten stehen.
Dieser Mechanismus ist inzwischen vertraut. Israelische Opfer werden sichtbar, also muss die Sichtbarkeit gebrochen werden. Hamas-Terror wird beschrieben, also muss der Fokus verschoben werden. Jüdische Frauen, Geiseln, Familien und Überlebende berichten von Gewalt, also wird eine Gegengeschichte gesucht, die aus einem klaren Täterhandeln wieder einen moralischen Nebel macht. Am Ende soll nicht mehr die Frage im Raum stehen, was die Hamas am 7. Oktober und in der Geiselhaft getan hat. Am Ende soll nur noch ein schwer greifbares „alle Seiten“ übrig bleiben.
Genau das ist der Punkt. Es geht nicht darum, Vorwürfe gegen Israelis grundsätzlich abzuwehren. Wenn es glaubhafte Hinweise auf Misshandlungen, Übergriffe oder sexualisierte Gewalt durch israelische Verantwortliche gibt, müssen sie untersucht werden. Ein Rechtsstaat darf sich nicht aussuchen, welche Opfer Schutz verdienen. Aber etwas anderes ist es, wenn solche Vorwürfe reflexhaft genau dann in die Debatte geworfen werden, wenn es um die dokumentierten Verbrechen der Hamas geht. Dann dient der Hinweis nicht mehr der Wahrheit. Dann dient er der Entlastung.
Diese Entlastung ist selten offen formuliert. Kaum jemand sagt: Was die Hamas getan hat, war gerechtfertigt. Kaum jemand schreibt: Die Opfer haben es verdient. Die Relativierung spricht anders. Sie sagt: Der Zeitpunkt sei schwierig. Die Darstellung könne Israel nützen. Die Berichte würden zur Rechtfertigung des Krieges verwendet. Man müsse aufpassen, nicht rassistische Bilder zu bedienen. Man dürfe nicht vergessen, was Palästinenser erleiden. Jeder dieser Sätze kann für sich genommen eine berechtigte Warnung enthalten. Zusammen und im falschen Moment werden sie zu einer Mauer, hinter der die Opfer verschwinden.
So wird aus Empathie eine politische Ressource. Sie wird nicht mehr nach Leid verteilt, sondern nach Lagerzugehörigkeit. Palästinensisches Leid wird in vielen Milieus sofort als moralisch eindeutig erkannt. Israelisches Leid wird dagegen geprüft, gewogen, verdächtigt und oft erst dann anerkannt, wenn es keine politischen Folgen mehr hat. Diese Ungleichheit ist keine Kleinigkeit. Sie prägt den Blick auf den gesamten Konflikt. Sie entscheidet darüber, ob jüdische Opfer als Menschen wahrgenommen werden oder nur als Figuren in einer Debatte über Israel.
Besonders deutlich zeigt sich das bei sexualisierter Gewalt. Über Jahre wurde westlichen Gesellschaften gesagt, man müsse Frauen glauben, man müsse Betroffene ernst nehmen, man dürfe nicht reflexhaft nach Widersprüchen suchen, um Täter zu schützen. Dieser Grundsatz war nie als Freibrief gegen Beweisführung gemeint. Aber er war ein zivilisatorischer Fortschritt: Opfer sollten nicht sofort erneut vor Gericht der öffentlichen Verachtung stehen. Nach dem 7. Oktober aber wurde dieser Maßstab bei jüdischen und israelischen Opfern erstaunlich schnell brüchig.
Plötzlich wurden Bilder zerlegt, Berichte angezweifelt, Aussagen unter politische Verdachtskontrolle gestellt. Nicht immer aus böser Absicht, nicht bei allen, nicht überall. Aber auffällig oft dort, wo man sonst am lautesten erklärt hatte, wie Gewalt gegen Frauen ernst zu nehmen sei. Der Satz „Glaubt den Frauen“ wurde nicht offen widerrufen. Er wurde nur still eingeschränkt. Er galt weiter, aber offenbar nicht uneingeschränkt für Jüdinnen. Er galt weiter, aber offenbar nicht, wenn die Täter Hamas-Terroristen waren. Er galt weiter, aber offenbar nicht, wenn die Anerkennung des Verbrechens Israel als angegriffene Gesellschaft sichtbar machte.
Das ist keine journalistische Sorgfalt. Sorgfalt prüft, ordnet ein, trennt gesicherte Informationen von Verdacht und benennt Unsicherheiten. Relativierung hingegen zieht die Aufmerksamkeit weg, bevor sie beim Opfer ankommen kann. Sie verwandelt konkrete Gewalt in abstrakte Debatte. Sie nimmt den Schrecken aus dem Einzelnen und ersetzt ihn durch ein großes politisches Rauschen. Genau dadurch wird das moralisch Unerträgliche erträglich gemacht.
Man sieht dieses Muster nicht nur bei sexualisierter Gewalt. Es tritt immer wieder auf, wenn über Israel berichtet wird. Nach Raketenangriffen folgt sofort der Hinweis auf Gaza. Nach Terroranschlägen folgt sofort der Hinweis auf Besatzung, Siedlungen oder Netanjahu. Nach antisemitischen Vorfällen folgt sofort der Hinweis, man dürfe Kritik an Israel nicht unterdrücken. Nach Morden an Israelis folgt sofort die Frage, was Israel vorher getan habe. So entsteht ein Klima, in dem israelische Opfer fast nie für sich stehen dürfen. Ihr Leid wird unmittelbar in ein politisches Koordinatensystem gezwungen, das jede klare Benennung erschwert.
Diese Gegenrechnung ist besonders gefährlich, weil sie sich moralisch gibt. Sie behauptet, Komplexität zu verteidigen. Tatsächlich verhindert sie oft Klarheit. Komplexität bedeutet nicht, dass Täter und Opfer verschwimmen. Komplexität bedeutet nicht, dass jede Tat sofort durch eine andere Tat neutralisiert wird. Komplexität bedeutet erst recht nicht, dass eine Terrororganisation, die Zivilisten ermordet, Frauen misshandelt, Menschen verschleppt und ihre Verbrechen selbst propagandistisch verwertet, in einer allgemeinen Opferbilanz aufgelöst wird.
Die Hamas ist keine soziale Protestbewegung und kein missverstandener Akteur. Sie ist eine Terrororganisation mit einer klaren Ideologie, einer klaren Feindschaft gegen Israel und einer langen Geschichte der Gewalt gegen jüdische Zivilisten. Wer ihre Verbrechen nur im Schatten israelischer Politik erklären will, nimmt ihr die Täterschaft. Er macht aus bewussten Taten eine Reaktion. Genau das ist der Kern der Relativierung: Sie entschuldigt nicht ausdrücklich, aber sie verschiebt Verantwortung.
Für Israel ist diese Erfahrung bitter vertraut. Das Land wird angegriffen, und noch während es seine Toten zählt, beginnt im Ausland die Debatte darüber, ob sein Schmerz politisch gefährlich werden könnte. Jüdische Familien warten auf Nachrichten über Geiseln, und auf Konferenzen, in Redaktionen und sozialen Netzwerken wird bereits diskutiert, ob die Berichte über ihre Qualen möglicherweise „instrumentalisiert“ werden. Natürlich können Regierungen Leid politisch nutzen. Aber wer diese Möglichkeit ständig vor die Anerkennung der Opfer stellt, macht sich selbst blind.
Der Maßstab müsste einfach sein. Erstens: Hamas-Verbrechen werden klar benannt. Zweitens: Opfer werden nicht nach Herkunft sortiert. Drittens: Vorwürfe gegen andere Akteure werden geprüft, aber nicht zur Ablenkung eingesetzt. Viertens: Keine politische Analyse darf sexualisierte Gewalt kleinreden, nur weil ihre Anerkennung einer unbequemen Seite nützt. Wer diese vier Punkte nicht einhalten kann, hat kein Problem mit Propaganda. Er hat ein Problem mit jüdischen Opfern.
Dabei braucht man keine Übertreibung. Man muss nicht jedes Schweigen sofort als bewusste Unterstützung der Hamas deuten. Viele Menschen sind überfordert, politisch festgelegt oder gefangen in Milieus, in denen Israel fast nur als Täter vorkommt. Aber gerade darin liegt die Gefahr. Wenn ein Weltbild so gebaut ist, dass jüdische Opfer darin kaum Platz haben, dann wird jede neue Information zurechtgebogen, bis sie wieder passt. Dann wird aus Dokumentation Propaganda, aus Zeugenschaft Verdacht, aus Vergewaltigung ein Streit über Deutungshoheit.
Ein Journalismus, der diesen Namen verdient, darf da nicht mitmachen. Er muss Vorwürfe prüfen, aber er darf nicht wegdrücken, was nicht in die eigene politische Linie passt. Er muss palästinensisches Leid zeigen, aber er darf israelisches Leid nicht als störende Nebenwirkung behandeln. Er muss Macht kritisieren, aber er darf Terror nicht entlasten. Und er muss bei sexualisierter Gewalt besonders vorsichtig sein, weil hier die Würde der Opfer erneut verletzt werden kann, wenn man ihre Aussagen nur als Material in einem politischen Kampf behandelt.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob man auch über palästinensische Opfer sprechen darf. Natürlich darf man das. Man muss es sogar, wenn es um konkrete, glaubhafte Vorwürfe geht. Die Frage lautet, warum so viele genau dann darüber sprechen wollen, wenn jüdische Opfer endlich gehört werden sollen. Warum muss jedes israelische Leid sofort in eine Gegenrechnung? Warum darf Hamas-Gewalt nicht einfach Hamas-Gewalt sein? Warum scheint es manchen unerträglich, dass Israel in diesem Moment nicht Angeklagter, sondern Opfer ist?
Diese Fragen führen an den Punkt, den viele vermeiden: Es gibt in Teilen der westlichen Öffentlichkeit eine tiefe Unfähigkeit, Israel als verletzliche Gesellschaft zu sehen. Israel darf mächtig sein, militärisch, politisch, umstritten. Aber Israel als verwundetes Land, Israel als Gemeinschaft traumatisierter Familien, Israel als Gesellschaft vergewaltigter, verschleppter und ermordeter Menschen, das passt nicht in das einfache Bild. Also wird dieses Bild gestört. Und weil es stört, wird es relativiert.
Am Ende bleibt ein Satz, der jede Debatte ordnen sollte: Wer über Hamas-Verbrechen spricht, rechtfertigt damit nicht automatisch jede israelische Entscheidung. Wer jüdischen Opfern glaubt, leugnet damit nicht palästinensisches Leid. Wer sexualisierte Gewalt der Hamas benennt, betreibt keine Propaganda. Er tut das Mindeste, was eine anständige Öffentlichkeit tun muss.
Nicht die Anerkennung der Opfer ist gefährlich. Gefährlich ist eine Öffentlichkeit, die immer dann nervös wird, wenn diese Opfer Israelis sind.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 21 Mai 2026