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Antisemitismus treibt neue Radikalisierung im Westen und verbindet Feinde, die sonst nichts eint

Antisemitismus treibt neue Radikalisierung im Westen und verbindet Feinde, die sonst nichts eint


Terrorzahlen sinken weltweit, doch im Westen wächst ein gefährlicheres Muster: Judenhass wird zum gemeinsamen Code für Islamisten, extreme Linke, Rechte und einsame Täter.

Antisemitismus treibt neue Radikalisierung im Westen und verbindet Feinde, die sonst nichts eint
Bildnachweis: Symbolbild

Es beginnt selten mit einem Anschlagsplan. Es beginnt mit einem Satz, der in der Gruppe niemanden mehr erschreckt. Mit einem Bild, das Empörung auslösen soll, aber Hass erzeugt. Mit einer Parole, die angeblich nur IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen meint und doch jüdische Menschen überall trifft. Mit dem Gefühl, endlich dazuzugehören, wenn man nur hart genug anklagt, laut genug mitruft und den richtigen Feind benennt.

Dieser Feind heißt in immer mehr radikalen Milieus: Israel. Und viel zu oft meint es am Ende Juden.

Die aktuellen Terrorzahlen wirken auf den ersten Blick beruhigend. Der Global Terrorism Index meldet für 2025 weltweit weniger Tote und weniger Anschläge. Doch wer nur auf die Gesamtzahl blickt, übersieht die Verschiebung. In westlichen Ländern wächst die Gefahr anders. Sie kommt nicht immer als klar erkennbare Organisation daher, nicht immer mit Fahne, Kommando und Bekenntnisvideo. Sie wächst in digitalen Echokammern, in Schulhöfen, an Universitäten, in Protestgruppen, in Identitätskrisen und in Milieus, die sich selbst für moralisch unantastbar halten.

Die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post hat mit Experten und Aussteigern gesprochen, die solche Wege aus der Nähe kennen. Einer von ihnen ist Mubin Shaikh, früher verdeckter Mitarbeiter des kanadischen Sicherheitsdienstes und später in der Arbeit gegen islamistische Radikalisierung tätig. Heute arbeitet er mit jungen Menschen, die gefährlich weit in extremistische Denkmuster geraten sind. Seine Beobachtung ist alarmierend: AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen wirkt wie ein Bindemittel zwischen Gruppen, die sonst kaum etwas miteinander verbindet. Islamisten, extreme Linke, rechte Verschwörungsgläubige, wütende Einzelgänger und ideologische Suchende können völlig verschiedene Weltbilder haben. Beim Hass auf Juden und der Dämonisierung Israels finden sie oft dieselbe Sprache.

Das ist die eigentliche Gefahr. Antisemitismus ist kein normales Vorurteil neben anderen. Er ist eine Erklärung für alles. Er bietet Menschen, die sich ohnmächtig, gekränkt oder verloren fühlen, eine einfache Antwort: Nicht die Welt ist kompliziert, nicht das eigene Leben ist widersprüchlich, nicht politische Konflikte haben viele Ursachen. Schuld sind Juden, Israel, Zionisten, angebliche Netzwerke, angebliche Macht im Hintergrund. Wer einmal in dieses Denken rutscht, bekommt Ordnung geschenkt. Eine falsche Ordnung, aber eine, die sich für viele erschreckend klar anfühlt.

Seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen hat sich diese Dynamik beschleunigt. Der Hamas TerrorHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen gegen Israel hätte für jede demokratische Gesellschaft ein klarer moralischer Moment sein müssen. Menschen wurden ermordet, verschleppt, misshandelt und als Geiseln genommen, weil sie Israelis und Juden waren. Familien wurden ausgelöscht. Kinder verloren Eltern. Alte Menschen wurden entführt. Der jüdische Staat wurde an einem Feiertag in einer Weise angegriffen, die tief in die historische Erinnerung jüdischer Menschen einschneidet.

Doch in Teilen des Westens kippte die Erzählung erschreckend schnell. Aus dem Entsetzen über den Terror wurde Misstrauen gegen Israel. Aus der Verurteilung der Hamas wurde ein „aber“. Aus der Trauer über ermordete Juden wurde die nächste Anklage gegen den jüdischen Staat. Genau in diesem Moment zeigte sich, wie vorbereitet viele Milieus längst waren. Der Hass musste nicht neu erfunden werden. Er musste nur aktiviert werden.

Noor Dahri, Gründer des Thinktanks Islamic Theology of Counter Terrorism, beschreibt, dass Radikalisierung oft aus mehreren Schichten besteht. Ideologie spielt eine Rolle, aber nicht allein. Dazu kommen Isolation, Kränkungen, die Suche nach Bedeutung, der Wunsch nach Anerkennung und die Bühne sozialer Medien. Für manche junge Menschen wird die radikale Gruppe zur Ersatzfamilie. Dort bekommen sie Bestätigung, klare Feinde und das Gefühl, endlich wichtig zu sein.

Das erklärt, warum Proteste kippen können. Humanitäre Sorge um Palästinenser ist legitim. Kritik an israelischer Politik ist legitim. Auch harte Kritik ist in einer Demokratie erlaubt. Aber etwas anderes geschieht, wenn junge Menschen lernen, dass ihre moralische Glaubwürdigkeit daran hängt, Israel möglichst radikal zu verurteilen. Wer nicht mitzieht, gilt als feige. Wer differenziert, wird verdächtigt. Wer jüdische Angst erwähnt, stört. Wer an die Geiseln erinnert, wird als Ablenkung behandelt.

So entsteht Gruppendruck. Nicht jeder, der auf eine Demonstration geht, ist radikal. Nicht jeder, der Israel kritisiert, ist Antisemit. Aber in bestimmten Milieus wird die Grenze bewusst verwischt. Man sagt Israel, meint aber Juden. Man sagt ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, meint aber jüdische Selbstbestimmung. Man sagt Widerstand, meint aber Terror. Man sagt Befreiung, schweigt aber über Geiseln, Raketen, Massaker und die Herrschaft der Hamas über die eigene Bevölkerung.

An dieser Stelle muss eine ehrliche Debatte auch Israels Schutzrecht klar benennen. Wer einem Staat vorwirft, seine Bürger gegen Terror zu verteidigen, muss denselben Maßstab auf den eigenen Staat anwenden. Würde ein Deutscher akzeptieren, dass seine Regierung nicht handelt, wenn Terroristen Familien verschleppen, Grenzorte beschießen oder Drohnen auf Wohnhäuser richten? Würde ein Franzose sagen, sein Staat solle keine Geiseln befreien, keine TerrorzellenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen verfolgen und keine Angriffe verhindern, weil die Bilder der Gegenwehr politisch unbequem sind? Würde ein Amerikaner verlangen, dass seine Familie schutzlos bleibt, damit fremde Kommentatoren ein einfacheres Weltbild behalten können?

Natürlich nicht. Jeder Staat würde seine Bürger schützen. Und jeder Bürger würde diesen Schutz erwarten. Genau deshalb ist es so entlarvend, wenn ausgerechnet Israel dieses Recht abgesprochen wird. Wer Israelis weniger Schutz zugesteht als sich selbst, kritisiert nicht nur eine Regierung. Er legt einen doppelten Maßstab an.

Kasim Hafeez kennt diesen doppelten Maßstab aus seinem eigenen Leben. Er wuchs in Großbritannien als Sohn pakistanischer Eltern auf und beschreibt, wie alltäglich antisemitische Sätze in seinem Umfeld waren, ohne dass sich die Menschen selbst als Extremisten verstanden hätten. Juden kontrollierten angeblich Amerika, Medien oder Politik. „Jude“ konnte als Beschimpfung fallen. Für ein Kind oder einen Jugendlichen, der keine jüdischen Menschen kennt, wird aus solcher Dauerberieselung irgendwann scheinbare Wirklichkeit.

Später geriet Hafeez selbst tiefer in radikale Denkmuster. An der Universität begegnete er einseitigen Bildern, Parolen und einer Erzählung, in der Israel nicht mehr als Staat mit Sicherheitsinteressen erschien, sondern als Verkörperung des Bösen. Der entscheidende Bruch kam nicht durch eine Predigt, sondern durch Zweifel. Er las Gegenargumente, reiste nach Israel und begegnete dort nicht dem Monster, das man ihm beschrieben hatte, sondern Menschen. Normalität. Gespräche. Alltag. Genau das ist für Radikale so gefährlich: Der Mensch zerstört das Feindbild.

Denn Radikalisierung braucht Entmenschlichung. Der Gegner darf nicht als Vater, Mutter, Student, Soldat, Kind oder alter Mensch erscheinen. Er muss zum Symbol werden. Zum System. Zur Gefahr. Zur bösen Macht. Erst dann lassen sich Dinge rechtfertigen, die man sonst nicht rechtfertigen könnte. Erst dann wird aus einem Massaker „KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen“. Aus Geiseln werden „Gefangene“. Aus Vergewaltigungen werden angebliche PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Aus ermordeten israelischen Kindern wird ein unangenehmes Detail, das nicht zur eigenen Erzählung passt.

Shaikh beschreibt diesen Weg mit einer einfachen Abfolge: Es ist nicht richtig. Es ist nicht fair. Du bist schuld. Du bist böse. Der letzte Schritt ist der gefährlichste. Wer den anderen als böse markiert, kann ihm fast jedes Recht absprechen, auch das Recht auf Schutz. Genau dort wird Antisemitismus zur Vorstufe von Gewalt.

Für Deutschland und Europa ist das keine ferne Debatte. Jüdische Einrichtungen brauchen Schutz. Jüdische Studenten berichten von Angst. Davidsterne werden beschmiert, Synagogen bedroht, israelische Restaurants angefeindet. In sozialen Netzwerken kursieren alte Verschwörungsbilder in neuen Formen. An Universitäten wird Israel teilweise nicht mehr kritisiert, sondern moralisch ausgesondert. Und immer wieder heißt es, man habe ja nichts gegen Juden, nur gegen Israel. Doch wenn jüdische Menschen weltweit für Israel verantwortlich gemacht werden, wenn Synagogen für den Krieg in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen bedroht werden, wenn jüdische Studenten Loyalitätsprüfungen bestehen sollen, dann ist diese Ausrede nichts wert.

Besonders gefährlich ist die Nähe zwischen unterschiedlichen extremistischen Milieus. Dahri verweist auf ein Muster, das seit Jahren sichtbar ist: Teile der extremen Linken bieten islamistischen Bewegungen eine Sprache der Befreiung, des Antikolonialismus und der Menschenrechte. Dadurch geraten deren autoritäre, antisemitische und frauenfeindliche Elemente aus dem Blick. Nicht jede linke Israelkritik gehört in dieses Muster, und nicht jeder muslimische Aktivist ist islamistisch. Aber dort, wo Hamas verharmlost, Israel dämonisiert und jüdische Angst verspottet wird, entsteht ein politischer Schutzraum für Radikalisierung.

Das darf eine demokratische Gesellschaft nicht hinnehmen. Wer Palästinensern helfen will, muss nicht Juden hassen. Wer Zivilisten in Gaza schützen will, muss nicht die Hamas entschuldigen. Wer Menschenrechte ernst nimmt, darf jüdisches Leben nicht relativieren. Und wer Frieden fordert, darf nicht so tun, als beginne Gewalt immer erst mit Israels Antwort.

Der Kampf gegen Radikalisierung beginnt deshalb lange vor dem Anschlag. Er beginnt bei der Sprache. Bei der Frage, ob Hamas Terror klar als Terror benannt wird. Bei der Frage, ob jüdische Opfer betrauert werden dürfen, ohne sofort politisch gegengerechnet zu werden. Bei der Frage, ob junge Menschen lernen, Bilder einzuordnen, Propaganda zu erkennen und der Gruppe zu widersprechen, wenn aus Mitgefühl Hass wird.

Deutschland muss hier besonders wachsam sein. Antisemitismus tritt heute nicht nur mit Glatze, Reichsfahne oder offenem Judenhass auf. Er kommt auch in akademischer Sprache, in Protestästhetik, in Opferparolen, in angeblicher Befreiungsrhetorik und in der Behauptung, der jüdische Staat sei das zentrale Übel der Welt. Wer diese Formen nicht erkennt, bekämpft nur die Vergangenheit und übersieht die Gegenwart.

Am Ende steht eine unbequeme Wahrheit: Der Westen hat nach dem 7. Oktober nicht nur ein Sicherheitsproblem. Er hat ein Wahrheitsproblem. Zu viele Menschen wollten den Hamas Terror nicht als Warnung begreifen, sondern als Auftakt zur nächsten Anklage gegen Israel. Aus genau dieser Verdrehung wächst neue Radikalisierung. Sie beginnt mit Worten, mit Bildern, mit Gruppen, mit dem Wunsch dazuzugehören. Und sie findet im Antisemitismus einen alten, giftigen gemeinsamen Nenner.

Wer junge Menschen davor schützen will, muss Judenhass wieder klar benennen. Nicht erst, wenn er zuschlägt. Sondern dort, wo er sich tarnt, moralisch verkleidet und als politische Haltung ausgibt.




Autor: Redaktion
Samstag, 20 Juni 2026

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