Jüdische Künstlerin Adina Kraus berichtet von Ausgrenzung in Australiens Kunstszene nach dem 7. OktoberJüdische Künstlerin Adina Kraus berichtet von Ausgrenzung in Australiens Kunstszene nach dem 7. Oktober
Adina Kraus wollte in Melbourne als Künstlerin arbeiten. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober, sagt sie, seien Ausstellungen abgesagt und Türen geschlossen worden.

Die australisch-jüdische Künstlerin Adina Kraus wollte ihre Laufbahn in Melbourne aufbauen. Sie hatte Kunst studiert, Ausstellungen geplant, einen eigenen Galerie- und Atelierraum mitentwickelt und sich in einer Szene bewegt, die sich gern als offen, progressiv und sensibel für Ausgrenzung versteht. Nach dem Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen, sagt Kraus, sei genau diese Szene für sie kaum noch zugänglich gewesen. Aus der Künstlerin wurde plötzlich vor allem die Jüdin. Aus geplanten Ausstellungen wurden Absagen. Aus Kollegialität wurde Schweigen.
Im Gespräch mit Ynet beschreibt Kraus eine Erfahrung, die in jüdischen Gemeinden Australiens inzwischen viele teilen: Nicht erst der offene Hass sei das Problem gewesen, sondern das Wegbrechen beruflicher Räume, Kontakte und Selbstverständlichkeiten. „Plötzlich wollte mich niemand mehr in seinem Studio oder in seinen Galerien“, sagte sie. Zwei für 2024 geplante Ausstellungen seien abgesagt worden. Auf Nachfragen habe sie entweder keine Antworten erhalten oder abfällige Bemerkungen. Irgendwann habe sie das Gefühl gehabt, in der australischen Kunstwelt keinen Platz mehr zu haben.
Das ist kein kleiner Vorwurf. Gerade die Kunstszene reklamiert für sich gern moralische Wachheit, Empathie und Schutz für Minderheiten. Doch nach dem 7. Oktober zeigte sich nach Kraus’ Darstellung ein anderes Gesicht: jüdische Künstler wurden nicht als individuelle Menschen gesehen, sondern über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen verhandelt. Wer jüdisch war, wer Hebräisch sprach, wer familiär mit Israel verbunden war oder Solidarität mit Israelis nach einem Terrorangriff zeigte, geriet in einen Verdachtsraum. Nicht die Hamas wurde zum Prüfstein der Menschlichkeit, sondern die Nähe zu Israel.
Kraus beschreibt den AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in Australien nicht als plötzlich aus dem Nichts entstandenes Phänomen. Schon an der Universität habe es eine unterschwellige Feindseligkeit gegeben. Sie habe bei ihren Präsentationen auf jedes Wort achten müssen. Hebräische Buchstaben seien für viele nicht Sprache, sondern fremde Zeichen gewesen. Doch nach dem 7. Oktober habe sich die Lage verschärft. Das, was vorher unter der Oberfläche gelegen habe, sei offen geworden.
Ihre Schilderung passt zu Berichten, die in Australien inzwischen auch vor der Royal Commission on Antisemitism and Social Cohesion diskutiert werden. Dort berichteten jüdische Künstler, Musiker und Vertreter der Gemeinschaft von Ausgrenzung, Boykottdruck, beruflichen Nachteilen und wachsender Angst. Der Guardian zitierte im Mai Aussagen jüdischer Musiker, wonach Antisemitismus nicht erst am 7. Oktober begonnen habe, aber Geschwindigkeit, Umfang und Sichtbarkeit danach stark zugenommen hätten. In australischen Medien wurde zudem über konkrete Fälle berichtet, in denen jüdische Kunstschaffende nach israelfeindlichen Kampagnen beruflich isoliert wurden.
Kraus zieht aus dieser Entwicklung eine persönliche Konsequenz. Sie wanderte nach Israel aus und wurde in das Masterprogramm der Bezalel Academy of Arts and Design aufgenommen. Für sie ist es nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein Neuanfang. In Israel, sagt sie, könne sie wieder frei arbeiten. Sie müsse nicht jede hebräische Spur erklären, nicht jede jüdische Referenz rechtfertigen, nicht jedes Symbol erst durch das Misstrauen einer Umgebung tragen, die jüdische Identität nur noch durch den Konflikt mit Israel wahrnimmt.
Ihre künstlerische Arbeit ist dabei alles andere als plakativ politisch. In ihrer Abschlussarbeit beschäftigt sie sich mit der biblischen Erzählung von der ehernen Schlange, mit alten Materialien, verborgenen Zeichen, Heilung, Gefahr und Erinnerung. Sie arbeitete mit Bezügen aus Bibel, Zohar und Sefer Yetzirah, sammelte im Timna-Tal Erde, Steine, Ton und natürliche Materialien und befasste sich mit Bronze- und Kupferobjekten aus der Antike. Ihre Kunst sucht nicht den schnellen Slogan, sondern den langen Blick: auf Material, Geschichte, Verwandlung und Spuren.
Gerade deshalb wirkt ihre Ausgrenzung so bezeichnend. Eine Künstlerin, die mit Sprache, Altertum, Material und jüdischer Symbolik arbeitet, passte offenbar nicht mehr in ein Milieu, das sich nach dem 7. Oktober zunehmend über antiisraelische Zugehörigkeitssignale definierte. Die Kunstwelt, die sonst jedes Recht auf Identität verteidigt, wurde gegenüber jüdischer Identität plötzlich kühl. Das ist die bittere Pointe: Wo Israel gehasst oder dämonisiert wird, trifft es fast nie nur israelische Politiker. Es trifft jüdische Künstler, Studenten, Wissenschaftler, Musiker, Ärzte, Unternehmer und Familien in Ländern, die mit dem Krieg selbst nichts zu tun haben.
Kraus beschreibt Australien als ein Land, dessen Kunstwelt gern aus einer Position historischer Schuld und Opfererzählung heraus arbeite. Nach ihrer Einschätzung habe diese Szene eine Sache gesucht, an die sie sich moralisch anhängen konnte. Nach dem 7. Oktober sei Israel zu dieser Sache geworden. Dass Juden in Australien dadurch selbst unter Druck gerieten, wurde offenbar in Kauf genommen oder gar nicht erst gesehen.
Das Muster ist aus anderen westlichen Ländern bekannt. Man behauptet, nur Israel zu kritisieren, aber jüdische Menschen verlieren Aufträge, Einladungen, Schutzräume und berufliche Netzwerke. Man spricht von Menschenrechten, aber jüdische Kollegen sollen erst beweisen, dass sie moralisch akzeptabel sind. Man kämpft angeblich gegen Ausgrenzung, während jüdische Künstler aus Galerien verschwinden. Wer das noch für bloße Israelkritik hält, ignoriert die Lebenswirklichkeit der Betroffenen.
Kraus’ Satz, sie lebe lieber in Israel in einem Kriegsgebiet, als im Ausland mit Antisemitismus umgehen zu müssen, ist einer der härtesten Sätze des Interviews. Er sagt mehr über den Zustand westlicher Milieus aus als viele Statistiken. Israel ist im Krieg, steht unter Bedrohung und zahlt einen hohen Preis. Dennoch empfindet eine jüdische Künstlerin dort mehr künstlerische Freiheit und Zugehörigkeit als in der angeblich sicheren australischen Kunstwelt.
Ihre Ausstellung im Rahmen des Bezalel-Masterprogramms wird am 25. Juni in Tel Aviv eröffnet. Für Kraus ist es ein neuer Abschnitt. Für Australien bleibt die Frage, was aus einer Kulturszene geworden ist, in der jüdische Künstler nach einem Terrorangriff gegen Juden nicht mehr selbstverständlich willkommen sind. Eine Gesellschaft muss sich nicht daran messen lassen, wie viele Parolen gegen Hass sie kennt. Sie muss sich daran messen lassen, ob Juden nach solchen Parolen noch arbeiten, ausstellen, sprechen und atmen können, ohne erst ihre Haltung zu Israel abliefern zu müssen.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 25 Juni 2026