Bericht warnt vor islamistischen Netzwerken in Kanadas InstitutionenBericht warnt vor islamistischen Netzwerken in Kanadas Institutionen
Ein 200 Seiten starker Bericht zeichnet ein beunruhigendes Bild: Muslimbruderschaft-nahe Netzwerke sollen in Kanada Politik, Hochschulen und Zivilgesellschaft systematisch für Einfluss nutzen. Israel steht dabei immer wieder im Zentrum der Mobilisierung.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Ein neuer Bericht des Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy, ISGAP, erhebt schwere Vorwürfe gegen islamistische Netzwerke in Kanada. Nach der Untersuchung handelt es sich nicht lediglich um einzelne Organisationen oder voneinander unabhängige Aktivisten. Das Institut beschreibt vielmehr ein Geflecht Muslimbruderschaft-naher Strukturen, das langfristig politischen Einfluss gewinnen, gesellschaftliche Debatten prägen und sich in Hochschulen, Verbänden und staatlichen Institutionen verankern soll.
Der Bericht trägt den Titel „Assault on Democratic Values and Principles: How Islamist Entryism Weakens Civil Society and Higher Education in Canada“ und umfasst 200 Seiten. ISGAP untersucht darin ausdrücklich den politischen Islamismus und nicht Muslime oder den Islam als Religion. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wer islamistische Organisationen, ihre Finanzierung oder ihre politischen Strategien untersucht, stellt damit keine Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht. Umgekehrt darf der berechtigte Kampf gegen antimuslimischen Hass nicht dazu führen, dass demokratische Institutionen aus Angst vor dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit auf eine Prüfung extremistischer Netzwerke verzichten.
ISGAP beschreibt vier Bereiche, die sich nach seiner Analyse gegenseitig verstärken: die Prägung politischer Erzählungen, die institutionelle Verankerung, politische Mobilisierung und die Nutzung rechtlicher sowie öffentlicher Mittel, um Kritik abzuwehren. Besonders häufig tauchen dabei IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, der NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und der Begriff der Islamfeindlichkeit auf. Nach Auffassung der Autoren dienen Auseinandersetzungen um Israel nicht lediglich als außenpolitisches Thema, sondern auch als Instrument zur Mobilisierung und zur Bildung politischer Bündnisse.
Gerade dieser Punkt verdient Aufmerksamkeit. Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 haben sich auch in Kanada antiisraelische Kampagnen erheblich verschärft. An Hochschulen wurden Protestlager errichtet, Boykottforderungen erhoben und Israel regelmäßig als grundsätzlich illegitimer Staat dargestellt. Dass solche Kampagnen nicht automatisch Teil eines islamistischen Netzwerkes sind, versteht sich von selbst. Der ISGAP-Bericht behauptet jedoch, dass sich bei einem Teil dieser Mobilisierung personelle, organisatorische und ideologische Verbindungen erkennen lassen, die weit über spontanen Studentenprotest hinausgehen.
Hochschulen als politischer Schauplatz
Besonders ausführlich untersucht ISGAP kanadische Universitäten. Dazu gehören die University of Toronto, die Toronto Metropolitan University, die York University und die University of Waterloo. Die Autoren sehen dort ein Zusammenspiel aus Studentenorganisationen, politischen Kampagnen, akademischen Strukturen und ausländischer Finanzierung.
Die University of Toronto besitzt in dieser Entwicklung eine besondere Bedeutung. Dort entstand bereits 2005 die sogenannte Israeli Apartheid Week, die sich später international auf zahlreiche Hochschulen ausbreitete. Dass die Veranstaltung tatsächlich an der Universität ihren Ausgang nahm, lässt sich auch aus Unterlagen der Universität selbst nachvollziehen. Bereits damals wurde innerhalb der Hochschulgremien darüber gestritten, ob die Bezeichnung „Israeli Apartheid Week“ sachlich vertretbar oder bewusst polemisch sei. Die Universität berief sich auf die Meinungsfreiheit und ließ die Veranstaltungen stattfinden.
ISGAP betrachtet solche Entwicklungen nicht isoliert. Der Bericht untersucht unter anderem die Muslim Students’ Association an der University of Toronto und andere studentische Zusammenschlüsse. Dabei ziehen die Autoren historische Verbindungen zur nordamerikanischen Muslimbruderschaft heran und verweisen auf das sogenannte „Explanatory Memorandum“ von 1991, das im amerikanischen Holy-Land-Foundation-Verfahren als Beweismittel verwendet wurde. Entscheidend ist jedoch auch hier die journalistische Trennung: Eine historische oder organisatorische Verbindung bedeutet nicht automatisch, dass jedes heutige Mitglied einer Studentenvereinigung Teil der Muslimbruderschaft ist oder deren Ziele verfolgt. Der Bericht behauptet vielmehr, dass bestimmte Strukturen und politische Muster fortbestehen.
Hinzu kommt Geld aus Katar. An der University of Waterloo identifiziert ISGAP mehr als 3,8 Millionen kanadische Dollar an dokumentierter Forschungsfinanzierung durch staatlich verbundene Einrichtungen Katars, insbesondere den Qatar National Research Fund und die Qatar University. Die Hochschule selbst dokumentiert mehrere entsprechende Forschungsprojekte, darunter Vorhaben zu Stromnetzen, Hochspannungsisolierung und technischen Überwachungssystemen.
Die bloße Finanzierung eines Forschungsprojekts aus Katar beweist selbstverständlich keine islamistische Einflussnahme. Genau deshalb wäre es unseriös, aus jedem Forschungsstipendium eine Verbindung zur Muslimbruderschaft zu konstruieren. ISGAP argumentiert anders: Problematisch werde es dort, wo umfangreiche staatlich verbundene Finanzierung, geringe Transparenz über ausländische Geldflüsse und politische Netzwerke in denselben Institutionen zusammenträfen. Der Bericht fordert deshalb vor allem umfassendere Offenlegungspflichten.
Das betrifft Israel unmittelbar. Katar gehört seit Jahren zu den wichtigsten politischen und finanziellen Unterstützern der Hamas-Führung und unterhält zugleich ein weitreichendes internationales Netzwerk aus Medien, Bildungseinrichtungen und Forschungskooperationen. Wenn ausgerechnet Universitäten, an denen gleichzeitig aggressive Kampagnen gegen Israel stattfinden, erhebliche Beziehungen zu katarischen Einrichtungen pflegen, ist die Forderung nach Transparenz weder islamfeindlich noch überzogen. Sie ist eine Frage demokratischer Selbstverständlichkeit.
Politischer Einfluss wird zum Sicherheitsproblem
Besonders brisant wird der Bericht dort, wo er den akademischen Raum verlässt und sich der kanadischen Politik zuwendet. ISGAP beschreibt Organisationen, die gezielt muslimische Wähler mobilisieren und ihren Einfluss auf Wahlkreise konzentrieren, in denen vergleichsweise geringe Stimmenverschiebungen über ein Mandat entscheiden können.
Bei der kanadischen Parlamentswahl 2025 unterstützte die Kampagne „Vote Palestine“ nach den vom Bericht ausgewerteten Angaben 344 Kandidaten aus vier Bundesparteien. ISGAP sieht darin ein Beispiel dafür, wie der Nahostkonflikt zur innenpolitischen Mobilisierung eingesetzt werde. Das allein ist zunächst demokratisch legitim: Interessenverbände dürfen Wähler mobilisieren und Kandidaten nach ihren politischen Positionen beurteilen. Problematisch wird es dort, wo solche Mobilisierung mit undurchsichtiger ausländischer Einflussnahme oder extremistischen Strukturen verbunden wäre. Genau dafür fordert das Institut eine intensivere staatliche Prüfung.
Kanada selbst hat das Problem ausländischer Einflussnahme inzwischen grundsätzlich anerkannt. Am 4. August 2026 trat ein neues öffentliches Register für ausländische Einflussaktivitäten in Kraft. Personen und Organisationen, die im Auftrag eines ausländischen Akteurs auf politische oder staatliche Entscheidungsprozesse in Kanada einwirken, müssen entsprechende Vereinbarungen unter bestimmten Voraussetzungen offenlegen. Verstöße können mit empfindlichen Geldbußen geahndet werden.
Nach Auffassung von ISGAP reicht das jedoch nicht. Das neue System konzentriert sich auf Einflussnahme auf politische und staatliche Prozesse und schafft kein umfassendes nationales Register für ausländische Finanzierungen von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Genau dort sieht das Institut eine empfindliche Lücke.
Der Bericht beschäftigt sich außerdem mit der Muslim Association of Canada und der Prüfung muslimischer Wohlfahrtsorganisationen durch die kanadische Steuerbehörde CRA. Hier zeigt sich, weshalb eine differenzierte Betrachtung notwendig ist. ISGAP verweist auf regulatorische Untersuchungen und frühere Vorwürfe gegen Organisationen. Gleichzeitig kam die kanadische National Security and Intelligence Review Agency bei einer Untersuchung der Prüfungspraxis der CRA zu dem Ergebnis, dass bei der Auswahl und Bewertung von Fällen teilweise ein strukturierter und nachvollziehbarer Ansatz fehlte und Risiken von Voreingenommenheit bestanden. Die CRA kündigte daraufhin Verbesserungen an.
Diese Feststellungen entkräften den ISGAP-Bericht nicht. Sie zeigen vielmehr, wie sorgfältig Kanada vorgehen muss. Islamistische Strukturen müssen überprüft werden, ohne muslimische Organisationen pauschal zu verdächtigen. Wer beides miteinander vermischt, schadet am Ende dem notwendigen Kampf gegen Extremismus.
Genau darin liegt die Stärke der zentralen Forderung des Berichts. Ein demokratischer Staat darf religiöse Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt nicht gegen seine eigene Wehrhaftigkeit ausspielen. Freiheit bedeutet nicht, dass ausländische Regierungen, extremistische Ideologien oder undurchsichtige Netzwerke einen Anspruch darauf besitzen, unbehelligt politische und akademische Strukturen zu beeinflussen.
Für Israel ist diese Entwicklung besonders relevant, weil der jüdische Staat in vielen der untersuchten Kampagnen zum gemeinsamen Feindbild wird. Antizionismus dient dabei nicht selten als politischer Kitt zwischen Gruppen, die ansonsten nur wenige gemeinsame Ziele besitzen. Wenn daraus an Universitäten Boykottkampagnen, in der Politik Wahldruck und in der Zivilgesellschaft eine immer aggressivere Delegitimierung IsraelsFrom the river to the sea: Die Parole gegen Israels Existenz„From the river to the sea“ bezeichnet das Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer. In antiisraelischen Kontexten wird die Parole häufig als Forderung nach einem Palästina anstelle Israels verstanden.Mehr lesen entstehen, ist das längst keine entfernte Nahostdebatte mehr.
Der ISGAP-Bericht liefert keinen gerichtlichen Beweis dafür, dass sämtliche genannten Organisationen von einer zentralen Muslimbruderschaft gesteuert werden. Das behauptet er auch nicht. Er beschreibt Netzwerke, Überschneidungen, Finanzierungswege und politische Strategien und verlangt, dass Kanada diese Zusammenhänge ernsthafter untersucht.
Genau das wäre die angemessene Reaktion. Nicht Panik, nicht ein Generalverdacht gegen Muslime, aber auch nicht das bequeme Wegsehen aus Angst vor politischen Vorwürfen. Ein offener demokratischer Staat darf erwarten, dass politische Einflussnahme transparent geschieht, ausländische Finanzierung offengelegt wird und extremistische Netzwerke keinen Schutz dadurch erhalten, dass jede kritische Nachfrage sofort als Diskriminierung abgetan wird.
Kanada hat mit seinem neuen Transparenzregister einen ersten Schritt getan. Der Bericht zeigt jedoch, dass der schwierigere Teil noch bevorsteht: herauszufinden, wer demokratische Offenheit nutzt, um an der Demokratie teilzunehmen, und wer sie benutzt, um Strukturen aufzubauen, die ihre eigenen ideologischen Ziele über die offene Gesellschaft stellen.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 27 August 2026