Zum Jahreswechsel: Ein stark veränderter Naher Osten

Zum Jahreswechsel:

Ein stark veränderter Naher Osten




von Caroline Glick

Vor anderthalb Wochen (Anmerkung des Übersetzers: Das englische Original stammt vom 22. November 2013.) gaben die Kurden Syriens bekannt, dass sie eine autonome
Region im Nordosten von Syrien errichten. Die Ankündigung kam, nachdem die Kurden von Al-Qaida die Kontrolle über eine Kette von Städten in dem immer weiter ausufernden syrischen Bürgerkrieg entrissen hatten.

Die Ankündigung der Kurden erzürnte ihre nominalen sunnitischen Verbündeten - auch die Al-Qaida-Kräfte, die sie bekämpft haben - in der Opposition gegen das Assad-Regime. Es machte auch US-Bemühungen irrelevant, ein Friedensabkommen zwischen dem syrischen Regime und den Rebellen bei einer Friedenskonferenz in Genf zu erreichen.

Aber wichtiger als das, was das Vorgehen der Kurden für die Funktionsfähigkeit der Syrien-Politik der Obama-Administration bedeutet, ist, dass es nur zeigt, wie radikal sich die strategische Landschaft verändert hat und weiter verändert, nicht nur in Syrien, sondern in der gesamten arabischen Welt.

Die revolutionäre Grundströmung, die die arabische Welt in den letzten drei Jahren bedrängt hat, hat Dynamik und Unsicherheit in eine Region gebracht, die vor allem für Stillstand und Status quo während der letzten 500 Jahre bekannt ist. 400 Jahre lang wurde der Nahe Osten von den osmanischen Türken beherrscht. Im Vorgriff auf die Auflösung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg zerstückelten die Briten und die Franzosen schnell die osmanischen Besitzungen und teilten sie zwischen sich auf. Was aus deren Handlungen entstand, waren die nationalen Grenzen der arabischen Staaten - und Israels -, die seit 1922 weitgehend intakt geblieben sind.

Wie Yoel Guzansky und Erez Striem vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in einem Papier schrieben, das in dieser Woche veröffentlicht wurde, während die Grenzen der arabischen Staaten weitgehend unverändert bleiben, spiegeln die alten Grenzen nicht mehr die Realität auf dem Boden wider. "Als Ergebnis der regionalen Umbrüche wurden Stammes-, sektiererische und ethnische Identitäten stärker ausgeprägt als je zuvor, was auch zu einer Veränderung in den durch die Kolonialmächte vor einem Jahrhundert gezogenen Grenzen führen kann, die seitdem von den arabischen Autokraten konserviert wurden."

Guzansky und Striem erläuterten, "Die arabischen Herrscher mit eiserner Faust waren eine Art künstlicher Kleber, der verschiedene, manchmal feindliche Sekten in einem Versuch zusammenhielt, einen einzelnen Nationalstaat zu bilden. Jetzt konnten die de facto Veränderungen in der Landkarte des Nahen Ostens weitreichende geopolitische Verschiebungen verursachen, die Allianz-Formationen und sogar den globalen Energiemarkt beeinflussen."

Die Autoren diskutierten speziell den Zusammenbruch von nationalen Regierungen und die daraus folgende zunehmende Irrelevanz der nationalen Grenzen in Syrien, Irak, Libyen und Jemen.

Und während es stimmt, dass die Auflösung der Autorität der Zentralregierung am akutesten in Syrien, Irak, Libyen und Jemen ist, sind in jedem arabischen Staat nationale Behörden unter Belagerung, gestresst oder mit der Bekämpfung von direkten Bedrohungen ihrer Herrschaft beschäftigt. Obwohl die zentralen Behörden die Kontrolle in Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko, Tunesien und Bahrain behalten, kämpfen sie alle mit noch nie dagewesenen Herausforderungen. Infolgedessen kann man es heute unmöglich für selbstverständlich halten, dass die Interessen des Regimes in einem arabischen Staat notwendigerweise die Aktionen der Bewohner dieses Staates lenken werden oder dass ein jetzt an der Macht befindliches Regime morgen an der Macht bleiben wird.

Guzansky und Striem stellen fest, dass der aktuelle Zustand des Wandels Israel sowohl Herausforderungen als auch Chancen bietet. Wie sie sich ausdrückten, "Der Zerfall von Staaten bedeutet mindestens eine temporäre Verschlechterung der strategischen Situation Israels, weil er mit Instabilität verbunden ist, die verantwortlich dafür ist, dass er auf die Nachbarstaaten hinübersickert .... Aber die Veränderungen bedeuten auch die Auflösung der regulären Armeen, die in der Vergangenheit eine Bedrohung darstellten, und gegenwärtige Chancen für Israel, Beziehungen zu verschiedenen Minderheiten aufzubauen, die das Potenzial haben, die Zügel der Regierungen in der Zukunft zu ergreifen."

Nehmen Sie zum Beispiel die Kurden. Die Stärkung der Kurden in Syrien - wie im Irak - stellt eine strategische Chance für Israel dar. Israel hat eine Allianz mit den Kurden in der gesamten Region in den letzten 45 Jahren gepflegt und aufrechterhalten.

Obwohl die kurdische Politik voller interner Auseinandersetzungen und Machtkämpfe steckt, unter dem Strich ist die Stärkung der Kurden auf Kosten der zentralen Regierungen in Damaskus und Bagdad ein großer Gewinn für Israel.

Und die Kurden sind nicht die einzige Gruppe, deren veränderter Status seit dem Ausbruch der revolutionären Instabilität in der arabischen Welt Israel neue Chancen bietet. Zwischen den unterschiedlichen Fraktionen in den zerfallenden arabischen Ländern von Nordafrika bis zum Persischen Golf gibt es Dutzende von Gruppen, die begeistert sein werden, israelische Unterstützung zu erhalten und im Gegenzug bereit sein werden, mit Israel bei einer ganzen Reihe von Themen zusammenzuarbeiten.

Allerdings teilen diese neuen Verbündeten wahrscheinlich nicht die israelischen Werte. Und viele können nichts anderes als das außenpolitische Äquivalent eines One-Night-Stands sein. Aber auch Israel ist nicht gezwungen, sich gegenüber Dritten auf Dauer zu verpflichten. Transaktions-Allianzen sind wertvoll, weil sie auf gemeinsamen Interessen basieren, und sie dauern so lange, wie die Akteure diese Interessen als gemeinsame Interessen wahrnehmen.

In der vergangenen Woche haben wir eine ähnliche Transformation auf regionaler und globaler Ebene tatsächlich sich ereignen gesehen, da die volle Bedeutung des Rückzugs der US-Macht der Obama-Regierung aus der Region besser verstanden wird. Als vor zwei Wochen die US-Entscheidung bekannt wurde, zu akzeptieren und zu versuchen, einen Deal mit dem Iran durchzudrücken, der von der internationalen Sanktionsregelung die Bedeutung entfernt, im Gegenzug für kosmetische iranische Zugeständnisse, die den Abschluss des Atomwaffenprogramms des Irans nicht wesentlich beeinflussen werden, wurden von einigen israelischen und vielen amerikanischen politischen Entscheidungsträgern Versuche unternommen, die Bedeutung der Entscheidungen von Präsident Barack Obama herunterzuspielen.

Aber am Sonntagabend berichtete Kanal 10, weit entfernt von einem opportunistischen Versuch, von einer neu entdeckten Mäßigung in Teheran zu profitieren, dass der Entwurf der Vereinbarung das Ergebnis von monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Obamas Consigliere Valerie Jarrett und iranischen Unterhändlern war.

Laut dem Bericht, der vom Weißen Haus geleugnet wurde, führte Jarrett, Obamas im Iran geborene Consigliere geheime Gespräche mit den iranischen Unterhändlern während der letzten paar Monate. Der Entwurf der Vereinbarung, welcher die US-Verbündeten in der gesamten arabischen Welt verraten hat und das israelische und französische Vertrauen in die US-amerikanische Bereitschaft zerschmettert hat, den Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern, wurde den Verhandlungsführern in Genf als vollendete Tatsache präsentiert. Israel und Saudi-Arabien, wie die anderen regionalen Verbündeten der USA wurden über seinen Inhalt im Dunkeln gelassen. Wie wir gesehen haben, war es erst, nachdem die Franzosen und die Briten die Details des Deals an Israel und Saudi-Arabien weitergegeben hatten, dass die Israelis, Saudis und Franzosen ein Ad-hoc-Bündnis bildeten, um den Deal im letzten Moment zu versenken.

Die Enthüllung von Jarretts langdauernden Geheimverhandlungen mit den Iranern hat gezeigt, dass die Entscheidung der Obama-Regierung, mit den Mullahs eine Vereinbarung zu treffen, eine gut durchdachte, langfristige Politik war, die Beschwichtigung des weltweit führenden Sponsors des Terrorismus als Mittel zu verwenden, um es den USA zu ermöglichen, sich aus dem Nahen Osten zurückzuziehen. Die Tatsache, dass der in Frage stehende Deal auch den Weg für den Iran ebnen würde, eine Atommacht zu werden, und so die nationale Sicherheit Amerikas gefährdet, war deutlich weniger ein Problem für Obama und sein Team als ihr Ziel, den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten zu realisieren.

So wie ethnische, regionale und religiöse Fraktionen keine Zeit verloren, das Vakuum zu füllen, das in der arabischen Welt durch den Zerfall der Zentralregierungen geschaffen wurde, so verschwendeten auch die Staaten der Region und der größeren globalen Gemeinschaft keine Zeit, nach neuen Verbündeten zu suchen, um die Vereinigten Staaten zu ersetzen.

Um dieses neue Verständnis zum Ausdruck zu bringen, sagte Außenminister Avigdor Lieberman am Mittwoch, dass es für Israel an der Zeit ist, nach neuen Verbündeten zu suchen.

In seinen Worten, "Die Beziehungen zu den USA verschlechtern sich. Sie haben Probleme in Nordkorea, Pakistan, Iran, Syrien, Ägypten, China und ihre eigenen finanziellen Probleme und Probleme mit der Einwanderung. Also frage ich - was ist unser Platz in der internationalen Arena? Israel muss mehr Verbündete mit gemeinsamen Interessen suchen."

In dem Bestreben, das Atomwaffenprogramm des Iran zu blockieren, hat Israel keinen Mangel an Verbündeten. Amerikas Rückzug hat eine regionale Neuausrichtung verursacht, in der Israel und Frankreich die USA als den Beschützer der sunnitisch-arabischen Staaten am Persischen Golf ersetzen.

Frankreich hat reichlich Grund zu handeln. Iran hat in den letzten 34 Jahren immer wieder französische Ziele angegriffen. Frankreich baute Saddam Husseins Atomreaktor, während Saddam im Krieg mit dem Iran war. Frankreich hat 10 Millionen muslimische Bürger, die von Saudi-Arabien finanzierte Moscheen besuchen. Darüber hinaus hat Frankreich starke kommerzielle Interessen im Persischen Golf. Es besteht kein Zweifel, dass Frankreich direkt geschädigt wird, wenn der Iran eine Nuklearmacht wird.

Obwohl das Treffen von Ministerpräsident Binyamin Netanyahu mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Mittwoch keine Neuausrichtung der russischen Interessen mit dem franco-sunnitisch-israelischen Anti-Iran-Konsortium brachte, die Tatsache, dass Netanjahu nach Moskau ging, schickte eine klare Botschaft an die Weltgemeinschaft, dass Israel sich in seinem Umgang mit ausländischen Mächten nicht mehr durch seine Allianz mit den USA eingeschränkt fühlt.

Und das war in Wirklichkeit der Hauptzweck des Besuchs. Netanyahu war es egal, dass Putin seine Position bezüglich dem Iran ablehnte. Israel brauchte Russland nicht, um Jarretts Deal zu blockieren. Iran ist sogar nicht mehr daran interessiert, Interesse an einem Atomabkommen vorzutäuschen. Er war in der Lage, die Macht der USA in der Region zu neutralisieren, und warf die regionalen Verbündeten der USA in strategische Unordnung, nur indem er Obama und Jarrett überzeugte, dass eine Einigung in Sicht war. Aus diesem Grund hat der Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei in dieser Woche wieder gedroht, Israel zu vernichten. Er denkt, er braucht seine Absichten nicht mehr mit einem Zuckerüberzug zu verdecken.

Es ist nicht so, dass die USA über Nacht zu einer unbedeutenden Figur in der Region wurden, und trotz Obamas Böswilligkeit gegenüber Israel wurden die USA unter seiner Führung nicht zu einem völlig negativen Akteur. Der erfolgreiche israelisch-amerikanische Test des Kurzstreckenraketenabwehrsystems "Davids Steinschleuder" am Mittwoch war ein klarer Hinweis auf die vorherrschende Bedeutung von Israels Beziehungen mit den USA. So zeigte auch die Lieferung des ersten von vier amerikanischen Raketenschnellbooten an die ägyptische Marine in dieser Woche, die die Fähigkeit Ägyptens verbessern werden, den Seeverkehr im Suez-Kanal zu sichern, dass die USA weiterhin eine Schlüsselrolle in der Region innehaben. Die fehlende Bereitschaft des Kongresses, sich Obamas Willem zu beugen und die Sanktionen gegen den Iran zu schwächen, ist ein ähnlich positives Vorzeichen für eine amerikanische post-Obama Rückkehr in die Region.

Aber wenn Amerika zurückkehrt, wird es wahrscheinlich eine stark veränderte regionale Landschaft vorfinden. Nationen lösen sich auf, nur um sich in neuen Gruppierungen zu integrieren. Monolithische Regime weichen inländischen Rissen und Generationswechseln. Was Amerikas Verbündete betrifft, werden einige seine Rückkehr begrüßen. Andere werden finster blicken und sich abwenden. Alle werden es geschafft haben, zu überleben und auch in Abwesenheit einer leitenden Hand von Washington zu gedeihen, und alle werden daher Amerika weniger brauchen.

Diese veränderte Landschaft wird es wiederum erfordern, dass sich die USA sehr genau überlegen, wo ihre Interessen liegen, und dass sie neue Strategien entwickeln, um diese zu fördern. Also vielleicht können wir alle in der Fülle der Zeit nach dieser Pause der US-strategischen Vernunft in einer besseren Situation landen.

 

Übersetzung: Robert Rickler, Pressesprecher des "Freundeskreis Israel in Regensburg und Oberbayern e.V." Foto: I, Costello [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

 

Lesen Sie hierzu auch:

 

Caroline Glick bei haOlam.de (Auswahl):

 

haOlam.de - Interaktiv und zum mitgestalten

haOlam.de - die `Gefällt mir´-Seite bei Facebook - immer ich Echtzeit informiert werden, wenn neue Artikel und Meldungen bei haOlam.de online erscheinen

haOlam.de - Dein Magazin - die Facebook-Gruppe zum diskutieren der Artikel und zum vorschlagen von Themen und Artikeln für haOlam.de - und zum diskutieren rund um haOlam.de und die Themengebiete des Magazins.


Autor: fischerde
Bild Quelle:


Montag, 30 Dezember 2013