Ungarn: Holocaust-Leugnung, Hetze und Einschüchterung von Juden

Ungarn: Holocaust-Leugnung, Hetze und Einschüchterung von Juden




Dr. Manfred Gerstenfeld interviewt Daniel Bodnar

Die Organisation TEV – deren Name mit Aktions- und Schutz-Stiftung übersetzt werden kann – wurde 2012 gegründet. Ihre Gründer sind die drei großen jüdischen Gemeinschaften: die Vereinigte Jüdische Gemeinde von Ungarn (die dem Chabad angehört) und zu der ich gehöre, der Bund der jüdischen Gemeinden in Ungarn – Mazsihisz, die neologisch ist – und die Sim Shalom-Reformgemeinschaft. Es bestand Bedarf für eine solche Organisation, weil es in Ungarn keine Daten gibt, die für eine vergleichende Analyse des Antisemitismus geeignet sind.

TEV begann Angriffe auf ungarische Juden entsprechend der vier Kriterien der OSZE zu beobachten: Gewaltverbrechen, Hass-Verbrechen, zu Handeln führendes Hassreden und Aufstachelung. All diese sind nach ungarischem Recht strafbar. Zusätzlich bietet TEV Opfern antisemitischer Taten juristische Hilfe.

Derzeit ist die Hauptsorge der ungarischen Juden antisemitische Hetze und Holocaustleugnung im öffentlichen Diskurs sowie der Verfall des öffentlichen Diskurses. In der ersten Runde der Wahlen zur Nationalversammlung 2010 gewann die rechtsextreme und antisemitische Jobbik fast 17% der Stimmen. Sie ist mit 47 von 386 Sitzen die drittgrößte Partei in der Nationalversammlung. Mehrere ihrer Parlamentarier äußern sich extrem antisemitisch.

In den ersten sechs Monaten der Beobachtungsaktivitäten erstatteten wir in 27 Fällen Anzeige bei der Polizei. Sechzehn davon betrafen Holocaustleugnung und 11 antisemitische Hetze. Wir hatten keinerlei Anzeige wegen körperlicher Angriffe.

Die Gesetze gegen antisemitische Hetze in Ungarn gehören derzeit zu den besten in Europa. Das Problem besteht darin, dass die Behörden sie nicht anwenden. Noch schlimmer ist, dass das frühere Verfassungsgericht entschied, nur in Fällen direkter und klarer Gefahr gebe es einen Verstoß gegen die Aufhetzungsgesetze.

Gegen den Jobbik-Abgeordneten Marton Gyongyosi wurde Anzeige erstattet; dieser sagte 2012 in der Nationalversammlung, es sei „an der Zeit festzustellen, wie viele Menschen jüdischer Abstammung hier sind, besonders im ungarischen Parlament und der Regierung, die ein gewisses Risiko für die nationale Sicherheit Ungarns darstellen“. Die Staatsanwaltschaft entschied, dass dies nicht als Aufstachelung zu Hass gewertet werden könne. Das illustriert die Unzulänglichkeiten des ungarischen Justizwesens im Umgang mit wichtigen Fällen der Förderung von antisemitischem Hass.

Zusammen mit dieser Hetze der letzten sechs oder sieben Jahre ist die Qualität des öffentlichen rapide erodiert. Hassreden hat das ungarische Parlament und den öffentlichen Diskurs der Gesellschaft infiltriert. Im nationalen Lehrplan finden sich Texte von Autoren, die Nazis waren. Wir waren schließlich in der Lage zusammen mit zwei weiteren Unterhändlern der jüdischen Gemeinschaft zu erreichen, dass der neue Lehrplan eine Direktive enthalten soll, dass Lehrer erklären und kontextualisieren müssen, dass dies böse Menschen waren. Zusammen mit der ADL hatten wir den Erfolg, dass die Kuruc-Hassseite bei Facebook entfernt wurde. Sie ist seitdem nicht mehr für länger als jeweils ein oder zwei Tage wiedergekommen.

In Ungarn ist eine Hass-Infrastruktur aufgebaut worden. Man weiß nicht, wann und wie sie platzen wird. Gesetzgeber müssen auf die Realität des riesigen Hasses reagieren, der öffentlich vorangetrieben wird. Die derzeitige Regierung der mehrheitlich rechts von der Mitte angesiedelten Fidesz-Partei macht viele symbolische Gesten. Sie hat jedoch zweifellos unterschiedliche Ansätze und Sensibilitäten bezüglich Antisemitismus als die frühere sozialistische. Es ist unerlässlich, dass jede Regierung über symbolisches Handeln hinaus geht und die jüdische Gemeinschaft mit echten juristischen Mitteln ausstattet, um den Antisemitismus zu bekämpfen.

Es gibt in Ungarn schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Juden. Fast alle davon sind entweder Holocaust-Überlebende oder deren Nachkommen. Juden sind in der ungarischen Politik lange Zeit politisch benutzt worden. Die Sozialisten nutzen die „Judenkarte“, indem sie sagten, die meisten Juden stimmten für sie. Diese Karte wird von der Rechten gewöhnlich zurückgespielt.

In einer Gesellschaft, in der es immer noch viele Tramuata aus der Vergangenheit gibt, bringt die extreme Rechte mehrere Behauptungen an. Eine betrifft das Stigma, dass in der Zeit des kommunistischen Regimes viele Parteiführer Juden waren und die meisten Juden die herrschende Partei unterstützten. Eine weitere ist, dass Juden dem ungarischen Staat gegenüber nicht loyal sind.

Ein wichtiges Problem besteht darin, dass die überwiegende Mehrheit der antisemitischen Vorfälle nicht berichtet wird. Menschen, die unter einem kommunistischen Regime lebten, sind in großem Maß zum Schweigen gebracht worden und diese Grundhaltung hält sich bis heute.

Bodnar schließt: Der derzeitige ungarische Antisemitismus ist hauptsächlich ein ideologischer und politischer. Wir begreifen, dass es sehr gefährlich werden kann, können aber nicht voraussagen, wozu es führen könnte. Heute richtet sich von der extremen Rechten verübte physische Gewalt in erster Linie gegen die 600.000 Mitglieder schwache Roma-Gemeinschaft. Viele glauben, ein größeres Hauptziel zu haben lenke Angriffe von ungarischen Juden ab. Doch der Rassismus und die Gewalt machen uns Sorgen. Die gegenwärtige Situation bietet keine Zusage einer besseren Zukunft, wenn sich nicht das juristische Rahmenkonzept zur Anwendbarkeit der Gesetze ändert.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war - Daniel Bodnar ist der Vorsitzende von TEV. Er wurde 1977 in Budapest geboren und studierte an der ELTE-Universität von Budapest. Er erhielt 1999 seinen M.A. Er war Price Fellow für politische Philosophie an der New School for Social Research in New York. / Erstveröffentlicht bei unserem Partnerblog Heplev.

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 21 Januar 2014






Ich versteh nicht, was der Satz soll: "Es gibt in Ungarn schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Juden. Fast alle davon sind entweder Holocaust-Überlebende oder deren Nachkommen."

Das "Fast" ist vollkommen fehl am Platze. Da der Plan Hitlers war - falls meine Info darüber stimmt, die Regierung der BRD verbietet ein Studium von "Mein Kampf" - daß er die Judenschaft insgesamt ausrotten wollte, sind alle Juden auf der Welt zu 100 % Holokaust Überlebende oder deren Nachkommen und damit auch allin in Ungarn. Ist doch logisch, oder? Andererseits ist der Teminus Holokaust-Überlebender eine Contradiktion in Adjecto, insofern das Wort Holokaust Wortwörtlich übertragen Ganzopfer bedeutet. Das Wort wäre angebracht, wenn Hitler hätte seinen Plan umsetzen können. Hat er aber nicht, weil sehr viele den Anschlag überlebt haben. Ein Ganzopfer kann man nicht überleben, denn es bedeutet ein Verbrennen mit Haut und Haaren. Insofern ist das Wort Schoah angmessener, weil es auch die Einmaligkeit des Geschehens herausstellt. 




Und ich verstehe nicht was diese Wortklauberei soll.  m.f.G.



@2 ..meine natürlich @1.    Nur das es kein Missverständniss gibt.



@steve

Die Welt, wie die Geschichte ist paradox: Wo sie einfach erscheint, ist sie kompliziert, und wo sie kompliziert erscheint ist sie einfach! Darum gilt: Verba sua fata habent!

Nochmal: Wenn es in Ungarn Juden gäbe, die nicht "Holokaust-Überlebende" bzw. deren Nachkommen sind, muß man schon fragen, wo kämen die her? Sind die vom Himmel gefallen? Man könnte meinen, nun gut, amerikanische Juden waren nicht vom Holokaust betroffen. Ich denke, diese Meinung ist vollkommen falsch. Es war ein Weltkrieg, und wenn das, was in "Mein Kampf" stehen soll - wie gesagt, ich habe es nicht gelesen, sondern berufe mich auf Dritte - dann wären nach einem Sieg über Amerika wohl auch die dortigen an der Reihe gewesen. Insofern weiß ich nicht, welche Gruppe von Juden mit dem "Fast" gemeint sein soll.

 

 



möchte noch folgendes anfügen: "Der hebräische Begriff Schoah ist ebenfalls ein biblischer Begriff und steht z.B. im Zusammenhang mit Jesajas Warnung und Prophezeiung an die Bewohner des Nordreichs, über die aufgrund ihres sündigen Verhaltens großes Unheil hereinbrechen wird (Jes 10,3; vgl. auch Jes 47,11; Ps 35,8). Schoah drückt die Bedeutung "Unheil", "Verderben" oder "Untergang" aus. Seit 1942 setzte sich in Palästina der Begriff Schoah durch und wurde im gleichen Jahr auch von der Jewish Agency in einer offiziellen Erklärung verwendet. Das Wort Schoah ist der offizielle Begriff im Staat Israel und dient im Neuhebräischen ausschließlich zur Bezeichnung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden unter dem Nationalsozialismus."

Quelle: http://schule.judentum.de/nationalsozialismus/holocaust.htm



@4,5 ottomotto: Mit Verlaub, das ist mir ein bisschen zu kompliziert. Ich bin eigentlich ein Freund kurzer, klarer, direkter Formulierungen. Aber mal was in eigener Sache. Könnten Sie mich aufklären? "Verba sua fata habent!" Latein ist nicht so mein Ding, genauso wie Hebräisch.;-) Danke....



@6 steve: hebräisch lernen mit "IVRIT Schritt für Schritt" Hebräisch für Anfänger von Miriam Rosengarten

@steve Es kann doch nicht so schwer sein ...

..Worte haben ihre Schicksale...



@Margareta & @ottomotto: Best THX!! Ein Service heute hier, das haut mich ja von den Socken.;-)



@steve Es kann doch nicht so schwer sein ...

..Worte haben ihre Schicksale...