Antisemitismus und Antiisraelismus in Australien

Antisemitismus und Antiisraelismus in Australien




Dr. Manfred Gerstenfeld interviewt Jeremy Jones

Die beste Schätzung der Zahl in Australien lebender Juden liegt bei 120.000. Es gibt viele weitere mit einem oder mehr jüdischen Großelternteilen. Rund 50.000 Juden leben in Melbourne, 45.000 in Sydney und jeweils zwischen 7.000 und 10.000 in Perth und in Brisbane und der Goldküste. Es gibt kleinere Gemeinden in anderen Landeshauptstädten und regional wichtigen Städten.

Jeremy Jones AM ist Direktor des International and Community Affairs des Australia/Israel & Jewish Affairs Council sowie Ehrenmitglied auf Lebenszeit und ehemaliger Präsident des Executive Council of Australian Jewry.
Es sollte betont werden, dass stereotype Bilder von Juden keine prominente Stellung haben. Im Allgemeinen werden Juden nicht als anders als Australier anderer Religionen oder Kulturen angesehen. Antisemitische Vorfälle haben aber Einfluss auf das persönliche oder gemeinschaftliche Sicherheitsgefühl. Das verdient, dass damit ernsthaft umgegangen wird. Es gibt jedoch wenig Belege, die die Ansicht unterstützen, dass Australien für Juden unsicher ist.

Antisemitismus hat in Australien verschiedene Ausdrucksformen und entstammt unterschiedlichen Quellen. Bei einigen rechten, rassistischen Gruppen gehört Antisemitismus zu ihren Vorurteilen. Mehrere politische Gruppen nutzen Antisemitismus zynisch, um ihre Agenden voranzubringen. Verschiedene Einzelpersonen glauben, dass ihre Religion Antisemitismus rechtfertigt oder gar gebietet und eine Vielzahl Fanatiker propagieren antijüdische Stereotype.

Einige kleine, aber auffallende Gruppen werben für Holocaust-Leugnung. Eine davon ist das Adelaide Institute, das inzwischen hauptsächlich im Internet vertreten ist. Eine weitere ist die rassistische Australian Leage of Rights. Es gibt auch eine kleine Zahl christlicher oder quasi-christlicher Pfarrer, die Ersetzungstheologie oder andere antijüdische Botschaften predigen. Unter muslimischen Gebetsleitern, die behaupten, dass das Judentum existenziell gegen den Islam opponiert, ist der berüchtigste der ehemalige Mufti von Australien, Scheik Tajeddine al-Hailaly.

Fälle von Gewalt gibt es ebenfalls zu wenige, um daraus umfassende Schlüsse zu ihrer Motivation zu ziehen. Jedes Jahr erhalten jüdische Organisationen eine Hand voll Berichte zu physischen Angriffen auf Juden. Auf zur Synagoge gehende Juden sind Gegenstände geworfen worden, hauptsächlich von jungen Männern. Es hat eine Reihe Vorfälle gegeben, die sich gegen Gebäude richteten, so in Synagogen gelegte Feuer, durch Fenster oder Türen jüdischer Institutionen geworfene Steine und anderer geringfügiger Vandalismus. Im Internet gibt es viele antisemitische Kommentare, sporadisch auch andernorts.

Antiisraelismus ist bei rechtsradikalen Neonazis präsent, in den kleinen linksextremen politischen Parteien, beträchtlichen Bereichen der Grünen Partei, eingegraben in Teilen der (sozialdemokratischen) Australian Labor Party und einer relativ kleinen „arabistischen“ Gruppe innerhalb der regierenden Koalition aus Liberaler und Nationaler Partei. Er ist allerdings in der Linksaußen stehenden akademischen Welt und einigen euorpaorientierten Mittelinks-Kommentatoren der Medien weit verbreitet.

Man findet ihn auch in Kirchengruppen, die von der Propaganda des Ökumenischen Rats der Kirchen (Weltkirchenrat) beeinflusst werden und einigen religiös mit den Kirchen des Nahen Ostens Verbundenen sowie bei politischen arabischen und muslimischen Gruppen. Zu den Erscheinungsformen gehören wiederkehrende verdrehte und verzerrte Berichte in den Mainstream-Medien, gelegentliche Reden im Parlament und Veranstaltungen, auf denen Redner Israel diffamieren. Wenn Antiisraelismus in Sprache verpackt ist, die negatives Verhalten von Israels dem Judentum allgemein zuschreibt, wird das als Antisemitismus betrachtet. Werden Juden oder Israel als symbolische Darstellung des Judentums mit Nazis verglichen, wird das in Analysen als antijüdische Rhetorik begriffen.

In den meisten großen Städten gibt es Gruppen, die aktiv für den Boykott Israels und von Israelis eintreten. Kundgebungen und Demonstrationen gegen Israel finden in Zeiten von Spannungen im Nahen Osten oder an Tagen statt, die für antiisraelische Gruppen von Bedeutung sind. Es gibt regelmäßige, organisierte Lobbyarbeit bei Politikern, Touren antiisraelischer Redner und organisierte Besuche des Nahen Ostens, die angelegt sind antiisraelische Anschauungen zu verstärken.

Die Auswirkungen dieser Aktivitäten erscheinen gering. Demonstrationen vor Max Brenner Chocolate-Cafés, einem beliebten Ort für antiisraelische Kundgebungen, haben keinen negativen Einfluss auf das Geschäft. Proteste gegen auftretende israelische Unterhaltungskünstler haben anscheinend den Besuch ihrer Veranstaltungen nicht beeinflusst und antiisraelische Aktivitäten von Akademikern sind Sprungbrett für wichtigere proisraelische Reaktionen gewesen, so für formelle Abkommen zwischen australischen und israelischen akademischen Institutionen.

Die muslimische Gemeinschaft zählt rund 500.000 Personen, die aus vielen Ländern stammen. Türken, Indonesier und Libanesen sind die zahlenstärksten Gruppen. Es gibt viele unterschiedliche Arten muslimischer Bräuche und Menschen mit enorm unterschiedlichem Stand an Bildung, Erfolg und Integration in den verschiedenen Gemeinschaften. Einige muslimische Gruppen sowie Einzelpersonen unterstützen Antiisraelismus. Es gibt überzeugte Hardcore-Unterstützer antijüdischer und Antiisrael-Gruppen, darunter Hisb-ut-Tahrir, Hamas und Hisbollah. Gelegentlich sind in islamischen Buchläden antijüdische Bücher verfügbar und antijüdische Redner sind auf Vortragsreisen zu Gast gewesen.

Allerdings opponieren mehrere prominente muslimische Persönlichkeiten aktiv gegen Antisemitismus und bemühen sich um ausgewogene Information zu Israel. Ein wichtiger Aspekt besteht darin, dass die [gegenüber den Juden] viel größere zahlenmäßige Stärke der muslimischen Gemeinschaft von antiisraelischen Politikern für die Behauptung benutzt wird, die politischen Parteien und Australien sollten antiisraelische Politik einführen.

Es hat beständige parteiübergreifende Verurteilungen von Antisemitismus und einseitig antiisraelischen Aktivitäten wie Boykotten gegeben. Israels Unabhängigkeitstag wird vom Staat und nationalen politischen Führungspersönlichkeiten gewürdigt. Philosemitismus ist in Australien wahrscheinlich bedeutender als Antisemitismus, sowohl in der Geschichte als auch gegenwärtig. Die jüdische Gemeinschaft bekämpft Antisemitismus und Antiisraelismus auf viele Weisen aktiv.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war. - Erstveröffentlicht bei unserem Partnerblog Heplev

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 08 April 2014