Zahava Seewald,Konservatorin des Jüdischen Museums in Brüssel: Das Jüdische Museum Brüssel im haOlam.de-Interview

Zahava Seewald,Konservatorin des Jüdischen Museums in Brüssel:

Das Jüdische Museum Brüssel im haOlam.de-Interview




Dieses Interview wurde bereit5s vor einiger Zeit geführt und sollte ursprünglich im Rahmen einer Serie erscheinen, in der jüdische Museen vorgestellt werden. Aufgrund des mörderischen Überfalls am Samstag auf das Jüdische Museum in Brüssel, bei dem nach aktuellen Stand vier Menschen ermordet wurden, darunter zwei Besucher aus Israel, haben wir uns entschlossen, dieses Interview bereits jetzt zu veröffentlichen. Das Interview führten Reiner Schleicher und Izi Aharon.

F: Seit wann gibt es das Jüdische Museum von Brüssel und welche Gründe gab es für seine Gründung?

A: Das Museum hat seine Türen der Öffentlichkeit im Jahr 1990 geöffnet. Dieses Projekt entstand aus einer doppelten Feststellung: auf der einen Seite das Fehlen eines Museums, das sich der Kunst und der Geschichte der Juden widmet und, auf der anderen Seiten, das Ungenügen öffentlicher Sammlungen in dieser Sache - obwohl Juden in unseren Gegenden seit dem hohen Mittelalter etabliert sind.

Die ersten Initiativen, um eine Belgisches Jüdisches Museum in Brüssel zu gründen, datieren aus dem Jahr 1983 und stammen von den Baronen Jean Bloch und Georges Schneck, beide nacheinander Vorsitzende des Consistoire Central Israélite de Belgique (CCIB), die das A.S.B.L Pro Museo Judaico schaffen, das die Grundlage für unser zukünftiges Museum war.

Welche sind die wesentlichen Eigenschaften dieses Museums?

Dieses Museum möchte alle seine Aktivitäten in einer Herangehensweise an den Judaismus verstanden wissen, das ihn als Zivilisation begreift, und geht so über die religiösen Manifestationen des jüdischen Lebens hinaus. Das Museum konzentriert sich auf die Geschichte der Juden in Belgien im Gegensatz zu den meisten jüdischen Museen in Europa. Es sammelt hauptsächlich die religiösen, hisorischen, soziologischen und künstlerischen Spuren der Juden, die eine Verbindung mit Belgien haben. Aber Belgien ist ein Ort der Immigration und unsere Objekte wurden nicht notwendigerweise in Belgien hergestellt. Sie bezeugen die Vielfältigkeit und Pluralität der Bevölkerung.

Was können die Besucher dort entdecken?

Die ständige Ausstellung umfasst verschiedene Abteilungen. Eine Sektion ermöglicht es der Öffentlichkeit, den traditionellen Judaismus mit einer kleinen wiederaufgebauten Synagoge und zahlreichen Objekten aus dem vierzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert zu entdecken, die einen Bezug zur Synagoge und den Riten der Wanderschaft und auch den jüdischen Festen haben. Eine Abteilung ist der Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart gewidmet, eine Abteilung der Deporation des Juden in Belgien und eine beschäftigt sich mit den verschiedenen Berufen, die von den Juden in Belgien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ausgeübt wurden.

Im Übrigen können die Besucher die anderen Aspekte der jüdischen Kultur in unseren aktuellen Ausstellungen kennenlernen, die in ihrer Gesamtheit darauf abzielen, den dynamischen Spannungen Rechnung zu tragen, die immer schon den Judaismus durchqueren und die wenigstens zum Teil seinen Fortbestand erklären: Einheit-Vielfalt, Integration-Unterschied, Religiosität-Laizität usw. Sie versuchen auch die schwierige Synthese zwischen künstlerischem Museum, historischer Erzählung und thematischen Erkundungen zu erreichen. Wir organiseren drei pro Jahr und versuchen die Themen wie Photographie, Geschichte, Kunst und das Religiöse abzuwechseln.

Welche waren die Reaktionen auf die Entstehung dieses Museums, sowohl von der Jüdischen Gemeinschaft in Belgien wie von der nicht-jüdischen Bevölkerung?

Das Museum will ein Museum sein, das offen ist für die gesamte Öffentlichkeit und wir sprechen zuerst das nicht-jüdische Publikum an, das lernen möchte. Das nationale und internationale jüdische Publikum besucht selbstverständlich auch unser Museum. Die jüdische Bevölkerung Belgiens wird sich nach und nach des Reichtums ihrer Geschichte bewusst, darüber, wie interessant sie ist, über dem Thema des Krieges und der Verfolgung hinaus, die nicht im Mittelpunkt unseres Museums stehen. Präziser - ein grosser Teil unserer Sammlungen stammen aus Spenden belgischer jüdischer Privatpersonen, die ein Sich-Bewusstwerden über den historischen Wert dieser materiellen Spuren bezeugen.

Das Wort "Museum" klingt an den Begriff der Vergangenheit an. Dennoch stehen heute die jüdische Gemeinschaft und die demokratische Gesellschaft Belgiens schwerwiegenden Problemen gegenüber, angesichts des Antisemitismus radikaler islamistischer Strömungen und extremistischer Elemente, der sich ununterbrochen verstärkt.
Wie kann ein Museum dieser Herausforderung begegnen?

Kenntnis und Wissen sind wesentlich, um Vorurteile zu bewältigen. Unser Museum emfängt Schulklassen und versucht sie auf dem Weg interaktiver Besuche zum Nachdenken zu bringen, weil es wesentlich ist, vor allem und in erster Linie die jungen Menschen zu bewegen. Ein langer Weg ist noch zu gehen, um das grosse misstrauische Publikum dazu zu bringen, unser Museum zu besuchen.

Welche Rolle kann Ihrer Meinung das Museum spielen, um die jüdischen Werte jungen Belgiern weitergeben und ihnen den Begriff jüdischer Identität verständlich machen zu können? Die Ethik ist ein ausschlaggebender Punkt des Judaismus. Welche Rolle spielt sie in der Arbeit des Museum in der Darstellung der jüdischen Geschichte und in der Weitervermittlung jüdischer Werte in der zeitgenössischen Gesellschaft?

Wir denken nicht, dass es die Rolle unseres Museums ist, jüdische Werte weiterzugeben. Wir möchten niemanden überzeugen und wir glauben nicht, dass unsere Werte besser sind als andere. Wir stellen "eine Zivilisation" vor und glauben, dass sie reich ist und interessant. Für une zukünftige Dauerausstellung (unser Museum wird in einigen Jahren komplett neu gestaltet werden) bereiten wir Interviews vor, die der Öffentlichkeit erlauben, die Komplexität der jüdischen Identität zu begreifen. Die Frage der Ethik oder der Identiät werden manchmal in den Konferenzrunden angesprochen, die wir "die Museumsdienstage" nennen.

Gibt es eine Mitarbeit Ihres Museums und der in Deutschland und in Frankreich? Und wenn ja, wie ist sie gestaltet?

Es gibt einen Informationsaustausch mit allen europäischen jüdischen Museen. Wir treffen uns einmal im Jahr in Rahmen einer internationalen Konferenz, die jedes Mal in einem anderen Land stattfindet. Dabei tauschen wir Informationen aus und diskutieren verschiedene Themen, die unsere Institutionen betreffen. Falls nötig werden auch unsere Sammlungen oder Ausstellungen ausgeliehen oder verliehen.

Unsere Fragen wurden von Zahava Seewald,Konservatorin des Jüdischen Museums in Brüssel, beantwortet.

Übersetzungen für haolam.de: Margaret Traub und Reiner Schleicher. Foto: Ortstafel Brüssel (Foto: von Alexander Krischnig [Public domain], via Wikimedia Commons)

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Sonntag, 25 Mai 2014






Das hab ich soeben gefunden:
Leser-KommentarKommentar 11 / 11

Der Islam gehört zu Belgien

Samstag 24 Mai. 2014 17.05 · vonJosef Raddy

Die Übergriffe durch Islamisten auf Juden sind in Belgien schon so verbreitet, dass die Juden dort die Rechten (Vlaams Belang) wählen.

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Ist bestimmt was dran...


Die Besonderheit von Wahlen in demokratischen Ländern ist, das sie geheim sind. Mir sind auch keine entsprechenden Umfragen bekannt, das Juden ausgerechnet den "Vlaams Belang" wählen würden.



tagesschau.de: "Die Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Belgien äußerte sich entsetzt über den Anschlag auf einen so symbolischen Ort des jüdischen Lebens. Deren Vorsitzender, Maurice Sosnovski, machte ein zunehmend antisemitisches Klima in Belgien und in Europa mitverantwortlich." Tja und dieses "Klima" dürfte wohl zum allergrößten Teil ein Importproblem sein. http://www.tagesschau.de/ausland/bruessel154.html   Und was mir da noch einfällt, lieber @Samuel, was der gute W.I. da gefunden hat...da könnte was dran sein...



Es  gibt scheinbar ein Muster:

http://www.timesofisrael.com/anti-terror-expert-brussels-museum-attack-follows-toulouse-pattern/

...wie in Sudfrankreich Steve! Importproblem trifft den Ngel auf den Kopf.

 

Shalom

W.I.