Bewaffnete FLNC droht Touristen, Korsikas radikale Vergangenheit kehrt zurückBewaffnete FLNC droht Touristen, Korsikas radikale Vergangenheit kehrt zurück
Maskierte Bewaffnete warnen Urlauber und auswärtige Immobilienkäufer auf Korsika, sie seien nicht sicher. Hinter der neuen Drohkulisse steht ein jahrzehntealter Unabhängigkeitskampf, mit historischen Verbindungen zu palästinensischen Organisationen und einer heutigen Regionalpolitik, die sich demonstrativ gegen Israel positioniert.
Korsika gilt als mediterranes Urlaubsparadies. Doch Anfang August zeigte die Insel ein anderes Gesicht. Rund ein Dutzend maskierter und schwer bewaffneter Männer der korsischen Untergrundorganisation FLNC-UC trat bei einer geheimen Pressekonferenz auf und richtete eine offene Warnung an Menschen, die von außerhalb auf die Insel kommen.
Touristen, Käufer von Ferienhäusern und Menschen, die sich dauerhaft auf Korsika niederlassen wollen, sollten nach Hause gehen. Solange die nationalen Rechte der Korsen nicht anerkannt würden, könnten sie sich auf der Insel nicht sicher fühlen, so die Botschaft der Gruppe.
Der FLNC begründet seine Drohung mit dem, was er als zunehmende Besiedlung Korsikas durch Außenstehende betrachtet. Besonders der Immobilienmarkt ist seit Jahren ein politischer Brennpunkt. Ferienwohnungen und Zweitwohnsitze werden von Nationalisten für steigende Preise und die Verdrängung Einheimischer verantwortlich gemacht.
Solche Drohungen sind keineswegs nur politische Folklore.
Der 1976 gegründete Front de libération nationale corse führte über Jahrzehnte Bombenanschläge und andere Gewalttaten durch. Le Monde schreibt, französische Behörden rechneten der Organisation in ihrer Geschichte rund 10.000 Anschläge und etwa 70 Tötungsdelikte zu, wobei die genaue Zuordnung teilweise umstritten ist. 2014 kündigte der FLNC zwar einen Prozess der Entmilitarisierung an, gab seine Waffen aber nie vollständig ab.
Die jüngste bewaffnete Inszenierung fällt zudem in eine politisch entscheidende Phase.
Die französische Nationalversammlung beschloss am 23. Juni 2026 einen Verfassungsentwurf, der Korsika eine ausdrücklich anerkannte Autonomie innerhalb der Französischen Republik ermöglichen soll. Der FLNC hält selbst diesen Schritt für unzureichend und verlangt letztlich nationale Selbstbestimmung.
Der weitere Zeitplan wird in dem N12-Bericht allerdings nicht ganz korrekt wiedergegeben: Nach den offiziellen Angaben des französischen Senats ist die Beratung dort derzeit für den 26. Oktober 2026 vorgesehen, nicht für den 21. Oktober.
Vom korsischen Untergrund bis in palästinensische Lager
Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist die Geschichte des FLNC aus einem anderen Grund interessant.
Der korsische bewaffnete Nationalismus entwickelte sich in den 1970er Jahren innerhalb eines internationalen Milieus radikaler separatistischer und marxistischer Organisationen. Kontakte zu palästinensischen Gruppen sind historisch dokumentiert.
Ein früherer militärischer FLNC-Verantwortlicher schilderte beispielsweise selbst eine Reise in den Libanon im März 1978, bei der Kontakte zur PLOPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen und zur FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen bestanden. Historische Arbeiten über die palästinensischen Ausbildungslager im Libanon nennen den FLNC neben Organisationen wie ETA, IRA und der deutschen RAF als eine der europäischen Gruppen, die dort Unterstützung oder Ausbildung erhielten.
Das bedeutet nicht, dass die heutige FLNC-Führung einfach mit den palästinensischen Organisationen der 1970er Jahre gleichgesetzt werden kann. Es zeigt aber, dass die Verbindung zwischen korsischem Radikalnationalismus und der palästinensischen Sache historisch weit älter ist als der heutige GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Krieg.
Auch die offizielle korsische Politik hat sich inzwischen deutlich positioniert.
Am 27. Juni 2025 verabschiedete die korsische Regionalversammlung eine Resolution zur Anerkennung eines palästinensischen Staates. Darin wurden die israelischen Operationen in Gaza scharf verurteilt und als möglicherweise genozidale Handlungen bezeichnet. Zugleich wurde Frankreich aufgefordert, Waffenlieferungen an Israel auszusetzen. Die Resolution ist auf der offiziellen Seite der korsischen Versammlung dokumentiert.
Gerade hier entsteht ein bemerkenswerter historischer Gegensatz.
Eine Insel mit außergewöhnlicher jüdischer Geschichte
Korsika besitzt zugleich eine außergewöhnliche jüdische Vergangenheit.
Bereits der korsische Unabhängigkeitsführer Pasquale Paoli setzte sich im 18. Jahrhundert für die Ansiedlung von Juden und ihre rechtliche Gleichstellung ein. Dokumentiert ist ein Schreiben aus dem Jahr 1760, in dem er jüdischen Einwanderern Naturalisierung und eigene religiöse Rechte in Aussicht stellte.
Noch bedeutender ist die Geschichte während des HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen.
Die jüdische Gemeinde von Bastia erinnert daran, dass während der italienischen und später deutschen Besatzung jüdische Bewohner zwar verfolgt und teilweise interniert wurden, von Korsika aus jedoch niemand in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert wurde. Lokale Behörden und zahlreiche Einwohner halfen Juden beim Überleben.
Damit steht das heutige Korsika vor einem eigenartigen Widerspruch.
Eine Insel, deren Geschichte Beispiele außergewöhnlicher Solidarität mit Juden kennt, besitzt heute eine Regionalpolitik, die Israel besonders scharf verurteilt. Gleichzeitig tritt eine bewaffnete Untergrundorganisation erneut mit Drohungen gegen Menschen auf, die von außerhalb auf die Insel kommen.
Dabei sollte man beides nicht vermischen.
Die Resolution der korsischen Regionalversammlung ist politische Israel-Kritik. Die Drohungen des FLNC gegen Touristen und Zugezogene sind dagegen eine Frage von Gewalt und Einschüchterung. Und die historischen Kontakte korsischer Untergrundkämpfer zu palästinensischen Organisationen sind wiederum ein dritter, historischer Komplex.
Zusammen ergeben sie dennoch ein bemerkenswertes Bild.
Der korsische Nationalismus hat seinen bewaffneten Flügel nie vollständig hinter sich gelassen. Während demokratische Nationalisten heute über Autonomie verhandeln, erscheinen erneut maskierte Männer mit Sturmgewehren und erklären Außenstehenden, sie könnten auf korsischem Boden nicht mit Sicherheit rechnen.
Das ist keine romantische Folklore eines rebellischen Mittelmeerortes.
Es ist eine Drohung.
Und gerade bei einer Insel, die wirtschaftlich vom Tourismus abhängt, könnte sie am Ende vor allem diejenigen treffen, in deren Namen der FLNC angeblich handelt.
Autor: Redaktion
Samstag, 15 August 2026