Iran entdeckt plötzlich die Fürsorge für seine StellvertreterIran entdeckt plötzlich die Fürsorge für seine Stellvertreter
Teheran feuert Raketen auf Israel und nennt es Schutz für die Hisbollah. Tatsächlich versucht ein geschwächtes Regime, seine verlorene Macht zurückzukaufen: mit Drohungen, Raketen und viel Theater.

Bildnachweis: Symbolbild
Iran verkauft seine jüngsten Raketenangriffe auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen als Antwort auf israelische Schläge gegen HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Ziele in Beirut. Das klingt nach strategischer Entschlossenheit. In Wahrheit wirkt es eher wie ein Regime, das merkt, dass ihm die sorgfältig gebaute Machtkulisse in der Region unter den Füßen wegbricht. Teheran versucht nicht nur, Israel zu treffen. Teheran versucht, sich selbst wieder wichtig zu machen.
Denn Iran hat in den vergangenen Jahren empfindliche Rückschläge erlitten. Der Sturz der Assad-Herrschaft in Syrien im Dezember 2024 riss ein zentrales Stück aus der iranischen Landbrücke Richtung Mittelmeer. Syrien war für Teheran nicht einfach ein Verbündeter, sondern Durchgangsraum, Waffenroute, Milizenstützpunkt und politisches Hinterland. Dazu kamen israelische und amerikanische Angriffe auf Iran, die das Regime militärisch trafen und seinen Nimbus beschädigten. HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen wurde nach dem 7. Oktober schwer geschwächt, die Hisbollah verlor Kommandeure, Infrastruktur und das alte Gefühl, im Libanon unangreifbar zu sein. Man könnte sagen: Die sogenannte Achse des WiderstandsAchse des Widerstands: Irans Terrornetzwerk gegen Israel„Achse des Widerstands“ ist die Eigenbezeichnung eines von Iran unterstützten Netzwerks aus Terrororganisationen und Milizen. Dazu zählen unter anderem Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad, Huthi und proiranische Milizen im Irak und in Syrien. Das Netzwerk bedroht Israel mit Raketen, Drohnen, Terroranschlägen und Stellvertreterkrieg.Mehr lesen quietscht inzwischen ziemlich laut.
Nach dem 7. Oktober wollte Iran die regionale Initiative übernehmen. Hamas in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, Hisbollah im Libanon, HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen im Jemen, Milizen im Irak und Syrien: Israel sollte an allen Seiten gebunden, ermüdet und politisch isoliert werden. Doch dieser Plan lief nicht wie gewünscht. Israel hielt dem Mehrfrontendruck stand, griff die Hisbollah ab September 2024 massiv an, tötete führende Köpfe von Hamas und Hisbollah und zeigte, dass auch Teheran selbst kein sicherer Raum mehr ist. Dass Ismail Haniyeh ausgerechnet in Iran getötet wurde, war für das Regime mehr als peinlich. Für einen Staat, der sich gern als Schutzherr des ganzen antiisraelischen Lagers inszeniert, war das ein schwerer Prestigeverlust.
Dann kam der Juni 2025. Israels Überraschungsschläge gegen Iran im Zwölf-Tage-Krieg, später mit amerikanischer Beteiligung, machten Teheran klar, dass Israel nicht allein steht. Iran musste sehen, dass sich in der Region etwas verschoben hat. Staaten am Golf, amerikanische Strukturen über CENTCOM, neue Sicherheitskontakte, wachsende Interessen gegen iranische Destabilisierung: Das alte Spiel, bei dem Iran seine Milizen losschickt und selbst sicher im Hintergrund bleibt, funktioniert nicht mehr so bequem wie früher.
Der nächste Einschnitt kam 2026. Mit den gemeinsamen amerikanischen und israelischen Schlägen gegen Iran, den erneuten Angriffen auf militärische Infrastruktur, Luftabwehr, Raketenfähigkeiten und nuklear relevante Standorte wurde dem Regime ein weiteres Mal vorgeführt, dass die alte Distanz nicht mehr existiert. Iran konnte sich nicht mehr darauf verlassen, hinter Hamas, Hisbollah, Huthi und Milizen im Irak zu stehen und selbst weitgehend unangetastet zu bleiben. Der Krieg von 2026 traf nicht nur Anlagen und Systeme, sondern auch das Selbstbild Teherans: Die Stellvertreter sollten Israel binden, abschrecken und erschöpfen. Stattdessen musste Iran erleben, dass Israel und die USA direkt gegen das Zentrum der iranischen Macht vorgehen können.
Genau deshalb feuert Teheran jetzt nicht nur Raketen. Es sendet eine Botschaft an die eigenen Leute, an die Hisbollah, an die Huthi und an Washington: Wir sind noch da. Wir können noch drohen. Wir können noch stören. Wir können immer noch mehrere Fronten anzünden. Das ist der Kern dieser Angriffe. Es geht nicht um Beirut allein. Es geht um die Rückgewinnung verlorener Abschreckung.
Besonders durchsichtig ist der Versuch, Libanon direkt mit Iran zu verknüpfen. Teheran will eine neue Regel einführen: Wenn Israel Hisbollah-Ziele in Beirut oder im Südlibanon angreift, antwortet Iran direkt. Das ist bemerkenswert. Früher sollten die Stellvertreter Iran schützen. Die Hisbollah sollte Israel abschrecken, falls JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen oder Washington iranische Atomanlagen angreifen. Jetzt muss Iran plötzlich die Hisbollah schützen. Die Schutzmacht muss ihren Schutzbefohlenen retten. Für ein Regime, das sich gern als strategisches Genie verkauft, ist das fast schon unfreiwillig komisch.
Diese Umkehrung ist wichtig. Sie zeigt, wie sehr die Hisbollah unter Druck steht. Wenn Teheran direkt Raketen auf Israel feuert, um eine Terrororganisation im Libanon politisch abzuschirmen, dann ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von Sorge. Die Hisbollah ist Irans wichtigster bewaffneter Vorposten an Israels Nordgrenze. Wenn sie an Macht verliert, verliert Iran ein zentrales Werkzeug seiner regionalen Erpressungspolitik. Genau das soll verhindert werden.
Darum ist die Formulierung, Iran reagiere auf israelische Angriffe in Beirut, zu harmlos. Iran reagiert nicht nur. Iran versucht, die Spielregeln neu zu schreiben. Die Hisbollah soll weiter als Staat im Staat bestehen, weiter den Libanon in Geiselhaft halten, weiter Nordisrael bedrohen, aber Israel soll ihre Kommandozentralen, WaffenlagerTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen und Drohnenstrukturen nicht mehr angreifen. Teheran nennt das vermutlich Stabilität. Man könnte es auch Schutzgeldpolitik mit Raketen nennen.
Auch die Huthi passen in dieses Bild. Wenn aus dem Jemen Raketen Richtung Israel abgefeuert und Seewege bedroht werden, geht es nicht um jemenitische Interessen. Es geht um iranische Reichweite. Iran will zeigen, dass es von Libanon bis Jemen, vom Golf bis zum Roten Meer Druck erzeugen kann. Die Botschaft an Washington lautet: Wer mit uns verhandelt, sollte besser zahlen, nachgeben oder zumindest sehr vorsichtig werden.
Das Problem: Je mehr Iran Einfluss verliert, desto lauter muss es sich aufführen. Ein wirklich starker Akteur muss nicht ständig beweisen, dass er noch gefährlich ist. Teheran tut genau das. Raketen auf Israel, Drohungen gegen die Region, Schutzversprechen für die Hisbollah, Druck auf die USA: Das ist keine souveräne Strategie, sondern der Versuch, aus Schwäche wieder Größe zu machen.
Für Israel ist die Antwort daher klar. Wenn Iran Beirut mit Teheran verknüpfen will, muss Jerusalem diese Verbindung zurückweisen. Israel kann nicht akzeptieren, dass seine Handlungsfreiheit im Libanon durch iranische Raketen erpresst wird. Wer die Hisbollah angreift, greift nicht den Libanon an, sondern eine Terrororganisation, die den Libanon längst selbst beschädigt hat. Wer daraufhin aus Iran Raketen auf Israel feuert, entlarvt nur, wem diese Organisation tatsächlich dient.
Das gilt auch für die westliche Debatte. Wer jetzt wieder nur von „Eskalation“ spricht, macht es sich bequem. Es geht nicht um zwei Seiten, die irgendwie gleich viel zur Lage beitragen. Es geht um ein iranisches Regime, das seine Stellvertreter benutzt, seine Rückschläge überspielt und Israel eine neue Abschreckungsregel aufzwingen will. Die Raketen sollen nicht nur Schaden anrichten. Sie sollen Bedeutung herstellen.
Ob Iran damit Erfolg hat, ist offen. Militärisch hat das Regime viel eingebüßt. Politisch steht es unter Druck. Seine Verbündeten sind geschwächt. Aber genau deshalb bleibt es gefährlich. Ein Regime, das Macht verliert, kann besonders riskant handeln, wenn es glaubt, nur durch neue Drohungen wieder ernst genommen zu werden.
Teheran will zurück auf die große Bühne. Nur wirkt der Auftritt inzwischen weniger wie Stärke und mehr wie ein sehr lauter Versuch, den eigenen Bedeutungsverlust zu übertönen.
Autor: Samuel Benning
Montag, 08 Juni 2026