Seltener Blick nach Teheran: Armut, Repression und die Narben des KriegesSeltener Blick nach Teheran: Armut, Repression und die Narben des Krieges
Monatelang war der Kontakt abgebrochen, nun liefert ein N12-Mitarbeiter aus Teheran seltene Bilder aus der iranischen Hauptstadt. Sie zeigen beschädigte Regimeeinrichtungen, leere Märkte und Menschen, die sich selbst Grundnahrungsmittel kaum noch leisten können.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Mehrere Monate lang wusste die israelische Redaktion von N12 nicht, was aus ihrem Kontaktmann „Ali“ in Teheran geworden war. Als die landesweiten Proteste im Januar eskalierten, kappte die Islamische Republik das internationale Internet nahezu vollständig. Die Verbindung brach ab, während Sicherheitskräfte mit äußerster Gewalt gegen Demonstranten vorgingen und später der Krieg Iran zusätzlich erschütterte.
Jetzt meldete sich Ali zurück. Seine Aufnahmen ermöglichen einen seltenen Blick in eine Hauptstadt, in der mehrere Krisen gleichzeitig sichtbar werden: die Spuren israelischer Angriffe, die Folgen einer dramatischen Wirtschaftskrise und ein Repressionsapparat, der weiterhin versucht, das Ausmaß der Gewalt gegen die eigene Bevölkerung zu kontrollieren und zu verschleiern.
Besonders schwer wiegt Alis Schilderung der Januartage. Er behauptet, innerhalb von nur 48 Stunden seien mehr als 40.000 Menschen getötet worden. Eine solche Zahl lässt sich unabhängig nicht abschließend bestätigen. Sie liegt jedoch innerhalb jener extrem hohen Schätzungen, die seit Monaten aus medizinischen, oppositionellen und menschenrechtlichen Netzwerken im Iran bekannt werden.
Die gesicherten Zahlen liegen deutlich darunter, zeigen aber ebenfalls das Ausmaß der Gewalt. Amnesty International und Human Rights Watch dokumentierten Massentötungen durch Sicherheitskräfte, Schüsse auf Demonstranten und Unbeteiligte sowie tausende Festnahmen. Bereits im Januar sprach die UN-Sonderberichterstatterin für Iran von mindestens 5.000 Toten und verwies auf medizinische Quellen, nach denen die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegen könnte. Iranische Menschenrechtsorganisationen überprüften später tausende weitere Fälle, während andere Berichte von mehreren zehntausend möglichen Todesopfern ausgingen.
haOlam berichtete bereits im Sommer über Schätzungen von 35.000 bis 40.000 Getöteten während der besonders brutalen Phase der Niederschlagung. Die Informationssperre des Regimes, verschwundene Leichen, eingeschüchterte Familien und fehlende unabhängige Untersuchungen machen eine endgültige Opferzahl bis heute nahezu unmöglich.
Wo früher gefoltert wurde, klafft heute ein Krater
Ali führte die Kamera unter anderem in den Teheraner Stadtteil Abbasabad. Dort befand sich eine Polizeistation, die während der israelischen Angriffe getroffen wurde. Heute dient das Gelände teilweise als Parkplatz. Auf den Bildern ist ein tiefer Einschlag zu erkennen, während die Polizei nach Alis Angaben inzwischen aus provisorischen blauen Containern arbeitet.
Seine Beschreibung dieses Ortes ist bemerkenswert. In genau dieser Polizeistation seien zuvor zahlreiche Menschen misshandelt und gefoltert worden. Für ihn steht die Ruine deshalb nicht nur für den Krieg mit IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, sondern auch für die Gewalt des iranischen Staates gegen seine eigenen Bürger.
In der Umgebung dokumentierte er Schäden an weiteren Gebäuden, die nach seinen Angaben den RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen zugerechnet werden. Dabei stellt sich eine Frage, die während der israelischen Angriffe immer wieder eine Rolle spielte: Warum unterhält das Regime militärische und sicherheitsrelevante Einrichtungen mitten in dicht besiedelten Stadtvierteln und setzt damit die eigene Bevölkerung zusätzlichen Gefahren aus?
Gleichzeitig ist die antiisraelische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen nicht verschwunden.
Auf dem PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Platz stehen weiterhin Bilder getöteter und amtierender HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Führer. Yahya Sinwar und Ismail Haniyeh werden dort ebenso präsentiert wie der heutige Hamas-Funktionär Khalil al-Hayya. Auch die bekannte Countdown-Uhr, die symbolisch die angeblich verbleibende Zeit bis zur Vernichtung Israels im Jahr 2040 zählt, steht weiterhin.
Das Bild ist bezeichnend: Während immer mehr Iraner Schwierigkeiten haben, Lebensmittel, Strom oder Benzin zu bezahlen, investiert die Führung weiterhin politische Energie in die Inszenierung ihres Vernichtungswillens gegenüber Israel und die Verherrlichung einer Terrororganisation, die am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen mehr als 1.200 Menschen in Israel ermordete und 251 Geiseln verschleppte.
„Seit drei Monaten kein Fleisch“
Noch bedrückender als die Kriegsschäden sind die Aufnahmen aus dem Alltag.
Ali berichtet von regelmäßigen Strom- und Wasserausfällen, zunehmender Lebensmittelknappheit und einem Währungsverfall, der den Wert des iranischen Geldes immer weiter zerstört. Nach seiner Schilderung braucht man inzwischen Taschen voller iranischer Banknoten, um den Gegenwert von 100 Dollar aufzubringen.
Luxusgeschäfte seien teilweise noch gefüllt. Das Problem sei jedoch, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung die Waren nicht mehr bezahlen könne.
Ali selbst sagt, seit drei Monaten kein Fleisch mehr gegessen zu haben. Auch Hühnerfleisch habe er sich seit mehr als einem Monat nicht leisten können.
Im südlichen Teheraner Viertel Javadiyeh dokumentierte die Kamera einen nahezu leeren Markt. Gut ausgebildete Menschen versuchen nach seiner Darstellung inzwischen, sich als Straßenhändler über Wasser zu halten und Trockenfrüchte, Kleidung oder andere Kleinigkeiten an Straßenecken zu verkaufen.
Ein Taxifahrer schilderte unter Tränen, seine Kinder hätten seit 20 Tagen kein Kilogramm Reis mehr zu Hause gehabt. Statt eines ganzen Huhns kaufe er Hühnerfüße. Seine Tochter habe ihre Schuhe selbst zusammengenäht, weil kein Geld für neue vorhanden sei.
Solche Aussagen sind Einzelberichte und können nicht stellvertretend für jeden Haushalt in Teheran stehen. Sie passen jedoch zu einem inzwischen breiten wirtschaftlichen Befund. Die Weltbank erwartet steigende Armut, hohe Lebensmittelpreise und sinkende Realeinkommen. Reuters berichtete zuletzt über Iraner, die ihre Ersparnisse aufbrauchen, Wohnungen aufgeben oder ihren Konsum auf das absolute Minimum reduzieren. Der Krieg, verschärfte Sanktionen, der Einbruch der Öleinnahmen und strukturelle Misswirtschaft treffen vor allem diejenigen, die keinerlei Einfluss auf die Politik des Regimes haben.
Dazu kommen lange Schlangen an Tankstellen. Für einen der größten Öl- und Gasstaaten der Welt ist Benzinknappheit ein besonders sichtbares Symbol des wirtschaftlichen Zerfalls.
Gleichzeitig geht der Repressionsapparat weiter.
Reuters dokumentierte erst in dieser Woche, wie Sicherheitsbehörden, Gerichte und staatliche Medien gemeinsam gegen Menschen vorgehen, die an den Januarprotesten beteiligt gewesen sein sollen. Festnahmen, geschlossene Verfahren, Hinrichtungen und erzwungene Geständnisse sollen nicht nur einzelne Gegner bestrafen, sondern eine ganze Gesellschaft einschüchtern.
Auch Ali beschreibt, warum die Verbindung zu ihm monatelang abbrach. Menschen, die auf den Straßen filmten, seien festgenommen und teilweise der Spionage beschuldigt worden. In einzelnen Fällen drohe ihnen die Todesstrafe.
Am Ende seiner Fahrt erreichte er den Hauptbahnhof am Rah-Ahan-Platz. Dort versammelten sich Regimeanhänger mit Fahnen und Parolen. Ali behauptet, viele von ihnen würden für diese Auftritte bezahlt und gehörten zu Revolutionsgarden, Basidsch oder Polizei.
Seine Formulierung bringt den Widerspruch des heutigen Iran auf einen Punkt: Tagsüber beteiligten sich dieselben Strukturen an der Unterdrückung der Bevölkerung, abends präsentierten sie sich mit Fahnen als vermeintliche Stimme des Landes.
Das heutige Teheran zeigt deshalb mehr als Kriegsschäden. Es zeigt einen Staat, der gleichzeitig Ressourcen für militärische Konfrontation, Terrornetzwerke und ideologische Propaganda aufwendet, während große Teile der eigenen Bevölkerung unter Inflation, Mangel und Repression leiden.
Israels Angriffe haben militärische und sicherheitsrelevante Einrichtungen des Regimes sichtbar getroffen. Die tiefere Krise des Iran entstand jedoch nicht durch israelische Bomben. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das über Jahrzehnte Macht, ideologische Expansion und den Kampf gegen Israel über die Freiheit und den Wohlstand seiner eigenen Bevölkerung gestellt hat.
Die seltenen Bilder aus Teheran machen sichtbar, was abstrakte Zahlen kaum vermitteln können: Hinter Sanktionen, Raketenprogrammen und geopolitischen Machtkämpfen stehen Millionen Iraner, die versuchen, einen weiteren Tag mit weniger Geld, weniger Freiheit und immer größerer Angst zu überstehen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 11 Oktober 2026