Israels neue Sicherheitsdoktrin: Nie wieder zurück auf die alten LinienIsraels neue Sicherheitsdoktrin: Nie wieder zurück auf die alten Linien
Drei Jahre Krieg verändern Israels militärisches Denken grundlegend. Führende Sicherheitsvertreter wollen langfristige Sicherheitszonen in Gaza, Libanon und Syrien, streiten aber über Rückzüge, Washington und den richtigen Umgang mit Iran.

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Fast drei Jahre nach dem Hamas Massaker7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen zeichnet sich im israelischen Sicherheitsapparat eine neue strategische Grundlinie ab. Nach Gesprächen der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post mit amtierenden und ehemaligen hochrangigen Vertretern der Sicherheitsbehörden gibt es trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten einen Punkt, bei dem ungewöhnlich große Einigkeit herrscht: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen soll an seinen gefährlichsten Grenzen nicht zur Sicherheitsordnung vor dem Krieg zurückkehren.
Das betrifft GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen ebenso wie den Libanon und Syrien.
Nach Darstellung der Jerusalem Post befürworten führende Sicherheitsvertreter aus unterschiedlichen politischen Lagern langfristige israelische Sicherheitszonen. Wie groß diese sein müssen, wird kontrovers diskutiert. Dass Israel jedoch Gelände benötigt, von dem aus Bedrohungen früh erkannt und bekämpft werden können, gilt inzwischen weitgehend als Lehre aus dem 7. Oktober.
Für Gaza ist diese Linie bereits offiziell erkennbar. Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnete die Gelbe Linie Ende 2025 als neue Sicherheitsgrenze. Die IDF kontrolliere dort Gelände, das einen schnellen militärischen Eingriff ermögliche. Im Februar 2026 erklärte Zamir erneut, Israel werde an dieser Linie bleiben, terroristische InfrastrukturTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen beseitigen und bei Bedarf von der Verteidigung unmittelbar zum Angriff übergehen.
Genau darüber hinaus wird nun diskutiert.
Nicht die Fläche entscheidet, sondern das Gelände
Nach Informationen der Jerusalem Post hält eine Mehrheit der befragten Sicherheitsvertreter nicht daran fest, möglichst große Teile Gazas dauerhaft zu kontrollieren. Entscheidend seien vielmehr strategisch wichtige Höhen und Geländepunkte.
Im Raum Schejaiya müsse Israel beispielsweise tiefer im Gazastreifen präsent bleiben, um eine wirkungsvolle Sicherheitszone zu erhalten. Bei Rafah könne die Armee dagegen möglicherweise deutlich weniger Fläche kontrollieren und dennoch frühzeitig erkennen, wenn sich erneut Kräfte in Richtung Israel bewegen.
Ähnlich wird im Norden argumentiert. Höhenzüge gegenüber Netiv HaAsara und Gebiete bei Beit Hanun gelten aus militärischer Sicht als besonders wichtig.
Ob Israel am Ende 70, 53, 30 oder lediglich 15 Prozent des Gazastreifens kontrolliert, ist nach dieser Denkweise weniger wichtig als die Frage, welche Gebiete kontrolliert werden.
Das entspricht der bereits öffentlich vertretenen Linie der IDF. Zamir erklärte im November, Israel müsse Schlüsselgelände halten und werde nicht zulassen, dass HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen ihre militärischen Fähigkeiten wiederaufbaut.
Deutlich kontroverser ist die Frage, wer den Gazastreifen politisch übernehmen soll.
Nach dem Bericht befürwortet eine Mehrheit hochrangiger Sicherheitsvertreter eine stärkere Rolle der Palästinensischen Autonomiebehörde. Sie werfen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu teilweise vor, diesen Weg zu blockieren. Eine Minderheit unterstützt dagegen sein Modell einer neuen Gaza Verwaltung unter enger Kontrolle des amerikanisch geführten Friedensrates.
Bemerkenswert ist, dass selbst Befürworter einer Beteiligung der Autonomiebehörde offenbar nicht davon ausgehen, dass diese Hamas kurzfristig als militärische Macht vollständig verdrängen könnte.
Das zeigt die eigentliche Schwierigkeit.
Israel sucht eine zivile Alternative zur Hamas, ohne sich sicher sein zu können, dass diese Alternative auch militärisch die Kontrolle übernehmen kann.
Im Libanon ist das Misstrauen ähnlich groß.
Auch dort halten viele israelische Sicherheitsvertreter eine kleinere Sicherheitszone für ausreichend. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie großes Vertrauen in die libanesische Armee besitzen. Die derzeit eingerichteten Pilotgebiete, in denen die libanesischen Streitkräfte nach einer Entwaffnung der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen die Kontrolle übernehmen sollen, werden von Teilen des israelischen Sicherheitsapparates skeptisch betrachtet.
Israel und der Libanon haben sich unter amerikanischer Vermittlung darauf verständigt, den israelischen Rückzug schrittweise mit der Entwaffnung der Hisbollah zu verbinden. Drittstaaten sollen künftig überprüfen, ob diese Entwaffnung tatsächlich erfolgt.
Die Frage lautet deshalb auch hier nicht mehr grundsätzlich Rückzug oder kein Rückzug.
Sie lautet: Wie weit kann Israel zurückgehen, ohne erneut eine bewaffnete Terrororganisation unmittelbar an seiner Grenze entstehen zu lassen?
Iran bleibt die größte strategische Unsicherheit
Noch größer sind die Meinungsverschiedenheiten beim Iran.
Nach Informationen der Jerusalem Post glauben inzwischen zahlreiche israelische Sicherheitsvertreter, dass Israels strategische Lage unmittelbar nach den Angriffen vom Juni 2025 günstiger gewesen sei als heute.
Der Grund ist bemerkenswert.
Zwar wurden iranische Raketen, Drohnen, militärische Infrastruktur und Teile des Atomprogramms in den Kriegen schwer getroffen. Gleichzeitig habe Teheran inzwischen jedoch einen entscheidenden Hebel gewonnen: die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen.
Die Krise um die Meerenge hat Washington stark in den Konflikt hineingezogen. Einige israelische Sicherheitsvertreter befürchten deshalb, dass die Vereinigten Staaten künftig einen israelischen Angriff auf Iran bremsen könnten, um ihre eigenen Verhandlungen mit Teheran und die internationale Schifffahrt nicht zu gefährden.
Nach den iranischen Angriffen im Juli erklärte Zamir zwar ausdrücklich, Israel sei jederzeit bereit, erneut mit großer Härte gegen Iran vorzugehen.
Doch genau die politische Handlungsfreiheit dafür wird innerhalb des Sicherheitsapparates zunehmend diskutiert.
Auch bei einem neuen Atomabkommen gibt es keinen Konsens.
Ein Teil fordert weiterhin, Iran müsse für einen langen Zeitraum vollständig auf Urananreicherung verzichten.
Andere halten diese Forderung angesichts der amerikanischen Haltung inzwischen für unrealistisch. Sie würden auch ein weniger ideales Abkommen akzeptieren, wenn dadurch verhindert wird, dass Iran gleichzeitig über große Mengen angereicherten Urans und eine hohe Zahl einsatzfähiger Zentrifugen verfügt.
Die Logik dahinter ist nüchtern: Iran darf nicht gleichzeitig genügend Material und genügend technische Kapazität besitzen, um kurzfristig zur Bombe durchbrechen zu können.
Zusätzlich verlangen diese Vertreter wesentlich strengere Inspektionen als im Atomabkommen von 2015.
Über allen Fronten steht jedoch eine neue Grundannahme.
Israel darf militärische Ruhe nicht mehr mit Sicherheit verwechseln.
Das gilt für Hamas in Gaza, für die Hisbollah im Libanon und für das neue Syrien ebenso wie für Iran.
Gerade bei Syrien ist das Misstrauen besonders ausgeprägt. Obwohl die neue syrische Führung unter Ahmad al-Scharaa Israel bislang nicht angegriffen hat und mit Jerusalem über Sicherheitsvereinbarungen spricht, wollen nur wenige hochrangige israelische Sicherheitsvertreter größere Rückzüge akzeptieren. Washington vermittelt seit Monaten zwischen beiden Seiten.
Der Grund liegt nicht allein in der Gegenwart.
Israel plant inzwischen stärker danach, welche militärischen Fähigkeiten ein Nachbar in Zukunft entwickeln könnte.
Das ist möglicherweise die wichtigste Veränderung nach drei Jahren Krieg.
Vor dem 7. Oktober glaubte Israel zu häufig, ein Gegner könne durch wirtschaftliche Interessen, Abschreckung oder politische Vereinbarungen dauerhaft eingehegt werden.
Heute lautet die Doktrin zunehmend anders: Abkommen sind willkommen, aber militärische Handlungsfreiheit bleibt notwendig.
Deshalb werden Sicherheitszonen, strategische Höhen und die Fähigkeit zu regelmäßigen präventiven Angriffen in den Überlegungen so wichtig.
Israel versucht damit nicht, jeden Krieg endlos fortzusetzen.
Es versucht zu verhindern, dass das Ende eines Krieges wieder zum Beginn der Vorbereitung des nächsten wird.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 12 August 2026