18 Tage vor der Wahl: 10,3 Prozent können Israels Machtfrage noch drehen18 Tage vor der Wahl: 10,3 Prozent können Israels Machtfrage noch drehen
Eisenkot liegt in der jüngsten N12-Umfrage knapp vor Netanyahu, doch keiner der beiden politischen Blöcke besitzt eine sichere Mehrheit. Entscheidend könnten Wahlbeteiligung, kleine Parteien und mehr als zehn Prozent noch unentschlossene Israelis werden.

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IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen geht in die entscheidenden letzten Wochen vor der Knessetwahl am 27. Oktober, doch wer anschließend das Land regieren kann, ist offener denn je. Die jüngsten Umfragen liefern nicht nur unterschiedliche Ergebnisse, sie zeigen vor allem, wie wenige Stimmen inzwischen über mehrere Mandate und damit möglicherweise über die Regierungsbildung entscheiden können.
In der jüngsten veröffentlichten Umfrage von Channel 12 liegt Gadi Eisenkots Partei Jaschar mit 23 Mandaten an erster Stelle. Der Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu folgt mit 21 Sitzen, Naftali Bennetts Bündnis B'Yachad erreicht 13. Die Demokraten und Israel Beitenu kommen jeweils auf neun Mandate.
Dahinter wird die Rechnung kompliziert. Die Gemeinsame Liste erhält acht Sitze, Vereinigtes Tora-Judentum ebenfalls acht. Schas und Otzma Yehudit werden jeweils mit sieben Mandaten gemessen, das Bündnis von Religiösem ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen und Zehut mit sechs. Ra'am erhält fünf, die gemeinsame Liste von Yoaz Hendel und Yaron Zelekha vier.
Ofer Winters Amcha Yisrael fällt in dieser Erhebung mit 1,5 Prozent deutlich unter die Sperrklausel.
Das heutige Koalitionslager kommt damit laut N12 auf 49 Mandate. Die Parteien, die Netanyahu ablösen wollen, erreichen zusammen 67, allerdings nur einschließlich der arabischen Parteien. Die zionistischen Oppositionsparteien kommen auf 54 Sitze. Hendel und Zelekha bilden mit vier Mandaten einen weiteren Block.
Damit fehlt beiden großen politischen Lagern aus eigener Kraft die notwendige Mehrheit von 61 Abgeordneten.
Genau deshalb wäre es falsch, aus Eisenkots gegenwärtigem ersten Platz bereits einen Regierungswechsel abzuleiten. Ebenso wenig bedeutet Netanyahus Rückstand um zwei Mandate, dass sein Weg zu einer weiteren Amtszeit versperrt wäre. Israel wählt Parteien und keine direkte Regierung. Entscheidend wird erst nach der Wahl, wer 61 Abgeordnete hinter sich vereinigen kann.
Die Umfragen zeigen vor allem, wie wenig entschieden ist
Eine aktuelle Analyse von N12 macht deutlich, warum selbst die jüngsten Zahlen mit außergewöhnlicher Vorsicht gelesen werden müssen.
Noch 10,3 Prozent der Befragten sind in irgendeiner Form unentschlossen. 2,6 Prozent werden dem Netanyahu-Lager zugerechnet, haben sich aber noch nicht endgültig festgelegt. Im sogenannten Veränderungslager sind es 1,9 Prozent. Weitere 1,6 Prozent schwanken zwischen den politischen Blöcken, während 4,2 Prozent keiner klaren Gruppe zugeordnet werden können.
Bei einer Wahl, bei der wenige Mandate über die Regierungsbildung entscheiden können, ist das ein gewaltiger Anteil.
Hinzu kommt ein Effekt, den Israel aus früheren Wahlkämpfen gut kennt. In den letzten Tagen können Wähler kleinere Parteien verlassen und zu einer größeren Liste ihres politischen Lagers wechseln, um deren Position zu stärken. Besonders deutlich zeigte sich das 2015, als der Likud kurz vor der Wahl erheblich stärker abschnitt, als viele Umfragen erwartet hatten.
2026 könnte dieser Effekt in mehrere Richtungen wirken.
Netanyahu hat ein Interesse daran, konservative und rechte Wähler beim Likud zu bündeln und gleichzeitig zu verhindern, dass Stimmen für kleinere rechte Parteien unterhalb der Sperrklausel verloren gehen. Eisenkot wiederum muss verhindern, dass sich das Lager seiner Gegner auf Kosten kleinerer Listen konsolidiert, während seine eigenen potentiellen Koalitionspartner ausreichend stark bleiben.
Die Sperrklausel von 3,25 Prozent macht diese Verschiebungen besonders gefährlich. Scheitert eine Partei knapp, können zehntausende oder sogar weit mehr als hunderttausend Stimmen bei der Sitzverteilung praktisch wirkungslos werden.
haOlam hatte bereits mehrfach auf genau dieses Problem hingewiesen. Noch Ende August lagen mehrere kleinere Parteien unmittelbar an der Sperrklausel. Inzwischen ist Winters Partei in der N12-Erhebung deutlich darunter gefallen, während Hendel und Zelekha mit vier Sitzen nur knapp darüber liegen.
Schon eine geringe Bewegung kann deshalb die gesamte Blockrechnung verändern.
Am Ende könnte die Wahlbeteiligung wichtiger sein als die Umfrage
Der vielleicht wichtigste Faktor ist nicht die Frage, wen die Israelis wählen wollen, sondern wer am 27. Oktober tatsächlich zur Wahl geht.
Das sogenannte Veränderungslager setzt laut N12 auf besonders hohe Beteiligung in Gebieten wie dem Scharon, Tel Aviv und Haifa. Intern wird dort eine Beteiligung von mehr als 76 Prozent als wichtiges Ziel betrachtet.
Ebenso entscheidend ist die Mobilisierung der Likud-Wählerschaft. Netanyahu besitzt seit Jahren eine äußerst loyale Stammwählerschaft, doch nach vier Jahren, die vom innenpolitischen Streit, dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen und mehreren Kriegen geprägt waren, ist offen, ob alle früheren Likud-Wähler erneut zur Urne gehen.
Auch die arabische Wahlbeteiligung kann die Sitzverteilung stark verändern.
2021 lag sie in arabischen Orten lediglich bei 44,6 Prozent. 2022 stieg sie auf etwa 53,2 Prozent. Eine deutlich höhere Beteiligung 2026 würde die Zahl der Mandate arabischer Parteien erhöhen und damit zugleich die Schwelle verändern, die die anderen Lager für eine eigene Mehrheit erreichen müssen.
Hinzu kommt die ultraorthodoxe Bevölkerung. Auch dort ist die Mobilisierung schwer einzuschätzen. Die ungelöste Wehrpflichtfrage hat das Verhältnis der HaredimNeturei Karta: Die winzige jüdische Randgruppe gegen IsraelNeturei Karta ist eine kleine ultraorthodoxe antizionistische Gruppe. Schätzungen sprechen von etwa 5.000 Anhängern, während laut ADL weniger als 100 aktiv antiisraelisch auftreten.Mehr lesen zur Regierung erheblich belastet. Gleichzeitig betrachten viele ultraorthodoxe Wähler eine von Eisenkot und seinen Partnern geführte Regierung wegen möglicher Veränderungen bei Wehrpflicht, Bildung und staatlicher Finanzierung mit erheblicher Skepsis.
All diese Faktoren erklären, warum Umfragen verschiedener Institute derzeit stark voneinander abweichen können.
Channel 13 kam zuletzt beispielsweise zu einer deutlich anderen Blockrechnung und sah Netanyahus Lager bei 54 Mandaten, während Eisenkots Lager dort auf 52 kam und arabische Parteien zusammen 14 Sitze erhielten.
Das ist kein Beweis dafür, dass eine der Erhebungen falsch sein muss. Unterschiedliche Stichproben, Annahmen über unentschlossene Wähler und vor allem unterschiedliche Einschätzungen der späteren Wahlbeteiligung können bei einer derart engen politischen Lage mehrere Mandate Unterschied erzeugen.
Für die kommenden 18 Tage bedeutet das vor allem eines: Die Wahl ist nicht entschieden.
haOlam hatte bereits Ende August darauf hingewiesen, dass Eisenkots damalige Führung in den Umfragen noch keine Antwort auf die entscheidende Frage liefert, wer tatsächlich 61 Mandate zusammenbekommt. Daran hat sich trotz zahlreicher neuer Umfragen wenig geändert.
Netanyahu kämpft darum, sein bisheriges Lager geschlossen an die Wahlurne zu bringen und möglichst wenige Stimmen an Parteien unterhalb der Sperrklausel zu verlieren. Eisenkot muss aus seinem Vorsprung bei der Parteienfrage eine regierungsfähige Mehrheit formen. Bennett, Liberman, die ultraorthodoxen Parteien und möglicherweise kleinere Listen könnten anschließend darüber entscheiden, welche Koalition überhaupt möglich ist.
Israel hat nach dem 7. Oktober, drei Jahren Krieg und einer der schwersten politischen und gesellschaftlichen Belastungsproben seiner Geschichte eine Wahl vor sich, bei der es um weit mehr als den ersten Platz einer einzelnen Partei geht.
Am Abend des 27. Oktober kann feststehen, wer die meisten Mandate gewonnen hat.
Wer Israel danach regiert, muss damit noch lange nicht entschieden sein.
Autor: Redaktion
Freitag, 09 Oktober 2026