Drei schwule Abgeordnete in Israels Knesset: Eine Geschichte, die mehr erzählt als politische SchlagzeilenDrei schwule Abgeordnete in Israels Knesset: Eine Geschichte, die mehr erzählt als politische Schlagzeilen
Israels neue Knesset wird erneut offen homosexuelle Politiker aus unterschiedlichen politischen Lagern haben. Ihre Wahl erinnert an jahrzehntelange Fortschritte bei der Gleichberechtigung. Gerade im Nahen Osten ist das keine Selbstverständlichkeit.

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Drei offen schwule Politiker haben bei der israelischen Parlamentswahl vom 27. Oktober 2026 den Einzug in die Knesset geschafft. Sie stehen für unterschiedliche politische Überzeugungen, teilen aber eine Besonderheit: Ihre sexuelle Orientierung hindert sie nicht daran, in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen höchste politische Verantwortung zu übernehmen.
Besonders bekannt ist Amir Ohana. Der Politiker des rechtskonservativen Likud wurde 2019 Israels erster offen homosexueller Minister und 2022 der erste offen schwule Präsident der Knesset. Bei der aktuellen Wahl stand er auf Platz 3 der Likud-Liste.
Auch Eitan Ginzburg, der bereits als Bürgermeister von Ra'anana und später als Parlamentarier politische Verantwortung übernahm, gehört zu den offen homosexuellen Persönlichkeiten der israelischen Politik. Er kandidierte auf der gemeinsamen Liste von Naftali Bennett und Yair Lapid.
Die politische Bedeutung dieser Entwicklung liegt nicht allein in der Zahl der Abgeordneten. Sie zeigt, dass offen homosexuelle Menschen in Israel nicht auf ein bestimmtes politisches Lager beschränkt sind.
Ein schwuler Politiker kann konservativ sein, ein anderer liberal oder sozialdemokratisch. Sie können bei Sicherheitsfragen, Wirtschaftspolitik oder der Bewertung der Regierung Netanjahu völlig unterschiedlicher Meinung sein.
Gerade darin zeigt sich ein wichtiger gesellschaftlicher Fortschritt: Homosexuelle Menschen müssen nicht erst eine bestimmte politische Überzeugung vertreten, um öffentlich Verantwortung übernehmen zu können.
Israel war Deutschland bei queerer Sichtbarkeit früh voraus
Wie bemerkenswert diese Entwicklung ist, zeigt ein Blick auf das Jahr 1998.
Damals schickte Israel die trans Sängerin Dana InternationalDana International: Israels Eurovision-Sieg, der mehr war als PopDana International ist eine israelische Sängerin und trans Frau. 1998 gewann sie mit „Diva“ für Israel den Eurovision Song Contest und wurde international zu einem Symbol für LGBT-Sichtbarkeit und israelische Popkultur.Mehr lesen zum Eurovision Song ContestDana International: Israels Eurovision-Sieg, der mehr war als PopDana International ist eine israelische Sängerin und trans Frau. 1998 gewann sie mit „Diva“ für Israel den Eurovision Song Contest und wurde international zu einem Symbol für LGBT-Sichtbarkeit und israelische Popkultur.Mehr lesen nach Birmingham. Sie gewann mit ihrem Lied „DivaDana International: Israels Eurovision-Sieg, der mehr war als PopDana International ist eine israelische Sängerin und trans Frau. 1998 gewann sie mit „Diva“ für Israel den Eurovision Song Contest und wurde international zu einem Symbol für LGBT-Sichtbarkeit und israelische Popkultur.Mehr lesen“.
Die Entscheidung war keineswegs unumstritten. Ultraorthodoxe Politiker und religiöse Autoritäten protestierten gegen ihre Nominierung. Doch Israel entsandte sie trotzdem. Ihr Sieg wurde zu einem international beachteten Zeichen gesellschaftlicher Offenheit.
Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt erst vier Jahre zuvor den Paragrafen 175 vollständig abgeschafft, mit dem homosexuelle Männer jahrzehntelang kriminalisiert worden waren. Rechtlich anerkannte gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften gab es hierzulande erst ab 2001.
Israel hatte bereits 1988 einvernehmliche homosexuelle Handlungen entkriminalisiert und 1992 einen gesetzlichen Diskriminierungsschutz am Arbeitsplatz eingeführt.
Die weitere Entwicklung verlief nicht ohne Widerstände. Dennoch wurden gleichgeschlechtliche Paare zunehmend rechtlich anerkannt. Im Jahr 2023 entschied Israels Oberstes Gericht, dass gleichgeschlechtliche Paare nach dem geltenden Adoptionsrecht gemeinsam Kinder adoptieren dürfen.
Diese Geschichte gehört ebenso zu Israel wie die politischen Auseinandersetzungen um religiöse Vorschriften, Familienrecht und gesellschaftliche Gleichberechtigung.
Auch heute ist die Lage keineswegs widerspruchsfrei. Gleichgeschlechtliche Ehen können nicht unmittelbar in Israel geschlossen werden. Religiös-konservative Politiker wenden sich gegen weitere Gleichstellung, und queere Organisationen berichten von Diskriminierung, Gewalt sowie Kürzungen bei Unterstützungsangeboten.
Der ultraorthodoxe Abgeordnete Yitzhak Pindrus kritisierte erst im Oktober die Wahl Ohanas zum Knesset-Präsidenten aus religiösen Gründen. Israels LGBTQ-Dachverband legte daraufhin eine Beschwerde beim Ethikausschuss des Parlaments ein.
Doch gerade dieser Vorgang zeigt einen wesentlichen Unterschied: In Israel können queere Organisationen öffentlich gegen solche Äußerungen protestieren, politische Forderungen stellen und parlamentarische Entscheidungen kritisieren.
Die Auseinandersetzung findet sichtbar innerhalb einer demokratischen Gesellschaft statt.
Die vergessene Perspektive des Nahen Ostens
Bei der Einordnung dieser Entwicklung lohnt sich ein Blick über Israels Grenzen hinaus.
Im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen besteht weiterhin eine Strafvorschrift gegen einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen Männern. Queere Menschen sind dort zusätzlich gesellschaftlichem Druck und dokumentierten Übergriffen ausgesetzt. Auch in den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde berichten Menschenrechtsorganisationen von Gewalt und Einschüchterung, obwohl Homosexualität dort nicht generell strafbar ist.
Die Verantwortung dafür liegt nicht bei einer gesamten Bevölkerung. Sie betrifft konkrete Gesetze, Sicherheitsorgane, politische Herrschaftsstrukturen und gesellschaftliche Vorstellungen.
Gerade die Verfolgung queerer PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen sollte deshalb stärker in den Mittelpunkt einer Menschenrechtsdebatte rücken.
Solidarität mit palästinensischen Zivilisten ist mit dem Einsatz für queere Rechte vereinbar. Sie darf aber nicht dazu führen, die Unterdrückung homosexueller Palästinenser durch die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen oder andere Machtstrukturen auszublenden.
Wer universelle Menschenrechte fordert, muss sie auch dort verteidigen, wo dies den eigenen politischen Vorstellungen widerspricht.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die neue Knesset eine Bedeutung, die über die israelische Innenpolitik hinausgeht.
Drei offen schwule Abgeordnete sind kein Beweis dafür, dass Israel vollständige Gleichberechtigung erreicht hätte. Sie zeigen aber, welche gesellschaftliche Entwicklung das Land bereits durchlaufen hat und welche Möglichkeiten homosexuellen Menschen dort offenstehen.
Die Wahl ist außerdem eine Erinnerung daran, dass queere Menschen kein einheitliches politisches Lager bilden. Auch in Israel wählen sie unterschiedliche Parteien, vertreten gegensätzliche Ansichten und beurteilen ihre Regierung verschieden.
Deshalb fällt die Berichterstattung des deutschen Magazins queer.de über das Wahlergebnis auf. Bereits im Vorspann wird die Netanjahu-Regierung als von der queeren Community verhasst bezeichnet.
Eine solche Formulierung macht aus einer politisch vielfältigen Bevölkerungsgruppe einen vermeintlich geschlossenen Block. Dabei ist ausgerechnet Amir Ohana ein offen schwuler Politiker aus Netanjahus eigener Partei. Seine hohe Platzierung auf der Likud-Liste wurde sogar vom israelischen LGBTQ-Dachverband als Erfolg queerer Sichtbarkeit gewürdigt, auch wenn seine politische Haltung innerhalb der Community umstritten ist.
Die Kritik an queerfeindlichen Koalitionspartnern Netanjahus ist berechtigt. Aber die politische Vielfalt homosexueller Israelis verschwindet, wenn ihre angeblich einheitliche Ablehnung einer Regierung bereits zum Ausgangspunkt der Berichterstattung gemacht wird.
Die eigentliche Nachricht verdient eine breitere Betrachtung.
Israel ist eine Gesellschaft, in der ein offen schwuler Politiker an der Spitze des Parlaments stehen kann, während religiöse Abgeordnete seine sexuelle Orientierung verurteilen. Eine Gesellschaft, die bereits 1998 eine trans Sängerin international zum Erfolg führte und bis heute über weitere Gleichberechtigung streitet.
Diese Widersprüche sind kein Zeichen dafür, dass die bisherigen Fortschritte bedeutungslos wären. Sie zeigen, dass gesellschaftliche Freiheit erkämpft, verteidigt und weiterentwickelt werden muss.
Gerade deshalb sollte die Wahl offen homosexueller Abgeordneter Anlass zum Nachdenken geben.
Während in Teilen des Nahen Ostens queere Menschen ihre Identität aus Angst verbergen müssen, können sie in Israel öffentlich für das Parlament kandidieren, Minister werden und die Regierung kritisieren.
Das ist kein Freibrief für israelische Politiker und kein Ersatz für die weitere Gleichstellung. Es ist eine gesellschaftliche Errungenschaft, die in der politischen Debatte nicht übersehen werden sollte.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 29 Oktober 2026