Washington sucht den Ausweg: Drei radikale Ideen für den Krieg gegen Teheran

Washington sucht den Ausweg: Drei radikale Ideen für den Krieg gegen Teheran


Sechs Monate Krieg haben das iranische Regime schwer getroffen, aber nicht gebrochen. Nun rückt die Frage in den Mittelpunkt, was militärische Gewalt allein offenbar nicht erreichen kann.

Washington sucht den Ausweg: Drei radikale Ideen für den Krieg gegen Teheran
Bildnachweis: DoD photo by Master Sgt. Ken Hammond, U.S. Air Force. / Quelle

Sechs Monate nach Beginn des Krieges gegen die Islamische Republik steht Washington vor einer unbequemen Erkenntnis: Iran ist schwer geschwächt, seine militärischen Fähigkeiten wurden getroffen und sein Atomprogramm zurückgeworfen, doch das Regime in Teheran besteht weiter. Es hält an seiner Konfrontation fest, die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen bleibt ein zentraler Streitpunkt und eine politische Lösung ist nicht in Sicht. Aus israelischer Sicht bedeutet das vor allem eines: Erfolgreiche Luftangriffe können RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Kommandozentralen, Produktionsanlagen und Teile der atomaren Infrastruktur zerstören. Sie beantworten aber nicht automatisch die strategische Frage, wie eine islamistische Führung dauerhaft daran gehindert werden kann, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen erneut mit Atomwaffen, ballistischen Raketen und Terrororganisationen in der Region zu bedrohen.

Wie ernst die Suche nach einem Ausweg inzwischen genommen wird, zeigt eine ungewöhnliche Nachricht aus dem amerikanischen Militär. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstbereichs des US-Zentralkommandos CENTCOM bat Militäranalysten Anfang August um neue, kreative und unkonventionelle Möglichkeiten, Iran unter Druck zu setzen und zu bestrafen. CENTCOM bestritt den Vorgang nicht, sondern verwies darauf, dass innovative Überlegungen innerhalb des Kommandos üblich seien. Dennoch ist bemerkenswert, dass eine solche Ideensuche nach Monaten eines Krieges stattfindet, den Washington ursprünglich mit weitreichenden Zielen begonnen hatte.

Vor diesem Hintergrund hat der amerikanische Sicherheitsanalyst AJ Jaff in der „JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post“ drei Möglichkeiten beschrieben, die weit über weitere Bombardierungen hinausgehen. Seine Überlegungen sind keine angekündigte Politik der Trump-Regierung und auch kein bekanntes Konzept des Pentagon. Sie sind ein Meinungsbeitrag. Gerade deshalb zeigen sie jedoch, wie grundlegend inzwischen über die Frage nachgedacht wird, was nach der militärischen Phase kommen könnte. Jaff schlägt vor, Washington solle Unabhängigkeitsbestrebungen unter ethnischen Minderheiten Irans politisch unterstützen, einen umfangreichen amerikanischen Truppenaufbau durch Schuldenerlass für freiwillige Soldaten ermöglichen und China durch ein Abkommen über iranisches Öl aus der strategischen Partnerschaft mit Teheran lösen.

Nicht nur das Regime, sondern seine Machtgrundlage treffen

Der politisch explosivste Vorschlag betrifft die innere Struktur Irans. Jaff verweist auf Kurden, Belutschen, arabische Ahwazi und Aserbaidschaner und argumentiert, der amerikanische Kongress könne Unabhängigkeitsbewegungen einzelner Volksgruppen ausdrücklich anerkennen. Die Vorstellung dahinter ist einfach: Nicht weitere Bomben sollen Teheran zu Zugeständnissen zwingen, sondern die Angst des Regimes, die Kontrolle über Teile des Landes zu verlieren.

Dass ethnische Minderheiten unter der Islamischen Republik seit Jahren mit staatlicher Benachteiligung und Repression konfrontiert sind, ist gut dokumentiert. Kurdische und belutschische Aktivisten werden verfolgt, Minderheiten sind überproportional von Hinrichtungen betroffen und in mehreren von Minderheiten bewohnten Regionen bestehen erhebliche wirtschaftliche und politische Benachteiligungen. Die genaue ethnische Zusammensetzung Irans ist allerdings umstritten. Deshalb sollte die im Meinungsbeitrag genannte Behauptung, die vier großen Minderheitengruppen stellten zusammen ungefähr die Hälfte der Bevölkerung, nicht wie eine amtlich feststehende Zahl behandelt werden.

Historisch ist der Gedanke kurdischer Eigenstaatlichkeit in Iran keineswegs erfunden. 1946 entstand im Nordwesten des Landes die kurzlebige Republik Mahabad. Sie konnte sich jedoch weniger als ein Jahr halten und brach zusammen, nachdem die Sowjetunion ihre Unterstützung zurückgezogen hatte. Jaff zieht daraus den umgekehrten Schluss: Wenn Washington Minderheiten diesmal politisch anerkenne und nicht wieder fallen lasse, könne daraus ein Druckmittel entstehen, das Luftangriffe nicht schaffen.

Das wäre allerdings kein kleiner diplomatischer Schritt. Eine amerikanische Politik, die auf eine mögliche Aufteilung Irans setzt, könnte neue Kriege um Grenzen, Bevölkerungsgruppen und Rohstoffe auslösen. Für Israel wäre deshalb entscheidend, Mittel und Ziel nicht zu verwechseln. Das Ziel kann nicht Chaos um jeden Preis sein. Entscheidend ist, dass ein Regime, das Israel seit Jahrzehnten bedroht, Terrororganisationen bewaffnet und nach militärischer Vorherrschaft in der Region strebt, diese Fähigkeiten verliert. Ob die territoriale Auflösung Irans dazu beitragen oder eine neue, kaum beherrschbare Gefahrenlage schaffen würde, ist eine völlig andere Frage.

Noch drastischer ist Jaffs zweiter Vorschlag. Weil eine groß angelegte Bodenoperation eine enorme Zahl amerikanischer Soldaten verlangen würde, bringt er ein Programm ins Spiel, bei dem junge Amerikaner im Gegenzug für Militärdienst von Studien-, Kreditkarten- oder anderen Schulden befreit würden. Er sieht darin eine Möglichkeit, freiwillig sehr große zusätzliche Streitkräfte aufzubauen.

Hier beginnt allerdings der spekulativste Teil seiner Argumentation. Eine amerikanische Bodeninvasion Irans ist derzeit keine öffentlich beschlossene Strategie, und die im Beitrag genannten Größenordnungen für eine solche Operation sind keine belastbare offizielle Pentagon-Planung. Nach Unterlagen des US-Heeres lag die aktive Stärke der Army im August 2026 bei rund 453.000 Soldaten; für Ende September sind 454.000 vorgesehen. Ein Schuldenerlassprogramm könnte die Rekrutierung verändern, wäre aber politisch, finanziell und gesellschaftlich von enormer Tragweite.

China könnte für Teheran gefährlicher werden als die nächste Bombe

Strategisch interessanter ist deshalb der dritte Vorschlag. Jaff will China vor eine Wahl stellen. Peking soll seinen Zugang zu iranischem Öl auch nach einem Ende des Krieges behalten können, wenn es im Gegenzug seine diplomatische und materielle Unterstützung für Teheran zurückfährt. Der Gedanke trifft einen empfindlichen Punkt des Regimes: China ist seit Jahren der wichtigste Käufer iranischen Erdöls und verschafft Teheran damit Einnahmen, die amerikanische Sanktionen teilweise unterlaufen. Noch im August konzentrierte sich Washington darauf, genau diese Handelswege stärker zu treffen.

Damit kommt Jaff dem eigentlichen strategischen Problem näher. Ein iranisches Regime kann zerstörte militärische Anlagen wiederaufbauen, solange Geld, Technologie, Handelswege und politische Schutzmächte vorhanden sind. Wird Teheran dagegen wirtschaftlich isoliert und verliert es zugleich seinen wichtigsten großen Partner, steigt der Druck auf die Führung erheblich. Ob China tatsächlich bereit wäre, Iran gegen wirtschaftliche Garantien preiszugeben, steht auf einem anderen Blatt. Peking verfolgt seine eigenen Interessen und wird Washington keinen strategischen Gefallen schenken.

Besonders weit geht Jaff mit der Überlegung, bei einem solchen Geschäft könnte sogar die amerikanische Haltung zu Taiwan Teil der Verhandlungen werden. Dafür gibt es bislang keinen Beleg als reale amerikanische Verhandlungsposition. Ein solches Geschäft würde zudem bedeuten, eine zentrale Frage der Sicherheit im Indopazifik mit dem Krieg gegen Iran zu verknüpfen. Gerade deshalb muss zwischen einer provokanten strategischen Idee und tatsächlicher Politik unterschieden werden.

Trotz aller Schwächen berührt der Beitrag damit eine Frage, an der Washington und Jerusalem nicht vorbeikommen. Militärische Macht kann Zeit kaufen. Sie kann Raketen zerstören, Kommandeure ausschalten und atomare Anlagen beschädigen. Doch solange die politische, wirtschaftliche und organisatorische Grundlage der Islamischen Republik erhalten bleibt, bleibt auch die Gefahr bestehen, dass Teheran seine Fähigkeiten erneut aufbaut.

Für Israel ist diese Erkenntnis nicht theoretisch. Ein Ende des Krieges, bei dem Iran zwar beschädigt, aber weiterhin in der Lage wäre, sein Atomprogramm, sein Raketenarsenal und sein Netz bewaffneter Verbündeter wiederherzustellen, wäre keine dauerhafte Lösung. Genau deshalb wird die Auseinandersetzung letztlich nicht allein über die Zahl zerstörter Ziele entschieden. Entscheidend ist, ob der Islamischen Republik die Mittel genommen werden, Israel und die Region erneut in denselben Kreislauf aus Aufrüstung, Drohung und Krieg zu zwingen.

Die drei Vorschläge von AJ Jaff mögen teilweise radikal, teilweise kaum realisierbar sein. Aber die Tatsache, dass solche Überlegungen überhaupt ernsthaft diskutiert werden, zeigt das Problem deutlich: Nach sechs Monaten Krieg besteht die entscheidende Herausforderung nicht mehr darin, Iran noch einmal zu bombardieren. Washington und Jerusalem müssen einen Zustand schaffen, in dem Teheran das, was zerstört wurde, nicht einfach wieder aufbauen und den nächsten Krieg vorbereiten kann.

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Autor: Redaktion
Sonntag, 30 August 2026

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