NYT löscht Satz über Opfer des 7. Oktober und spricht von „Redaktionsfehler“

NYT löscht Satz über Opfer des 7. Oktober und spricht von „Redaktionsfehler“


Die „New York Times“ schrieb, Israelis würden sich noch immer „als Opfer“ des 7. Oktober sehen. Nach scharfer Kritik verschwand der Satz. Die Zeitung räumt ein, ihre Formulierung habe den Terroropferstatus als Frage der Wahrnehmung erscheinen lassen.

NYT löscht Satz über Opfer des 7. Oktober und spricht von „Redaktionsfehler“
Bildnachweis: U.S. Department of State / Quelle

Die „New York Times“ hat eine bemerkenswerte Passage aus einem Artikel über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen entfernt und anschließend eine redaktionelle Erklärung veröffentlicht. In der ursprünglichen Fassung hieß es: „But Israelis still largely view themselves as the victims of Oct. 7.“ Auf Deutsch: Israelis betrachteten sich noch immer weitgehend als Opfer des 7. Oktober. Nach Kritik löschte die Zeitung den Satz.

Das Problem liegt nicht in einer komplizierten politischen Interpretation. Am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen überfielen HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen und weitere bewaffnete PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen Israel, ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten etwa 250 Geiseln nach GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Dass die Angegriffenen Opfer dieses Terrorangriffs waren, ist keine israelische Selbstwahrnehmung, sondern eine Tatsache. Selbst die „New York Times“ bezeichnet den 7. Oktober in der korrigierten Version als den tödlichsten Tag in der Geschichte Israels.

Genau diesen Eindruck räumt die Zeitung inzwischen selbst ein. In einer am 16. September hinzugefügten Anmerkung erklärte die Redaktion, ein „editing error“ habe dazu geführt, dass die frühere Fassung unbeabsichtigt suggeriert habe, die Erfahrung von Israelis als Terroropfer sei eine Frage der Wahrnehmung gewesen. Eigentlich habe die Passage die israelische Sicht auf die militärische Reaktion der Regierung nach dem Terrorangriff beschreiben sollen. Der Satz sei deshalb entfernt worden.

Ein Satz in einem ohnehin hochsensiblen Kontext

Der umstrittene Satz stand in einem Artikel der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen-Korrespondentin Isabel Kershner über den Dokumentarfilm „NAZA“ der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor. Der Film behandelt palästinensische Zivilisten, die während des Gaza-Krieges durch israelische Streitkräfte getötet wurden, und hat in Israel heftige Kritik ausgelöst.

Die „New York Times“ schrieb unmittelbar vor der inzwischen gestrichenen Passage über die israelische Debatte um politische, militärische und nachrichtendienstliche Versäumnisse vor dem Hamas-Massaker. Genau daraus entstand die irritierende Konstruktion: Israelis stritten über eigene Fehler, „aber“ sähen sich weiterhin als Opfer des 7. Oktober.

Das verbindende „aber“ machte den Satz besonders problematisch. Die Frage, ob israelische Institutionen vor dem Angriff versagt haben, steht nicht im Widerspruch dazu, dass israelische Zivilisten Opfer eines Terrorangriffs wurden. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Die Untersuchung politischer und militärischer Verantwortung innerhalb Israels verändert weder Täter noch Opfer des Massakers.

Kritik kam unter anderem von CAMERA. Die Medienbeobachtungsorganisation fragte sinngemäß, wer denn sonst die Opfer des 7. Oktober gewesen seien, wenn nicht die Israelis. Auch die „Times of Israel“ berichtete über die anschließende Korrektur.

Bemerkenswert ist auch, was nach der Löschung übrig blieb. Die aktuelle Fassung nennt weiterhin die rund 1.200 Getöteten und etwa 250 Entführten und beschreibt den Hamas-Angriff als Auslöser des Gaza-Krieges. Die „New York Times“ bestreitet also keineswegs, dass Israelis Opfer des Massakers waren. Sie räumt vielmehr ausdrücklich ein, dass ihre eigene frühere Formulierung genau diesen falschen Eindruck erzeugte.

Kurz zuvor erschien eine Studie zur Israel-Berichterstattung der NYT

Die Korrektur fällt in eine für die Zeitung unangenehme Woche. Erst am 7. September erschien im Fachjournal „Studies in Conflict & Terrorism“ die peer-reviewte Endfassung einer Untersuchung von Edieal Pinker von der Yale School of Management. Analysiert wurden 1.559 Beiträge der „New York Times“ über den Krieg zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Juni 2024.

Pinker kommt zu dem Ergebnis, dass sich in der untersuchten Berichterstattung ein dominantes Muster gezeigt habe, das Israel nahezu allein Handlungsmacht und Verantwortung zuschreibe, während die Rolle der Hamas bei der Fortsetzung des Krieges deutlich weniger sichtbar werde. Persönliche Berichte über palästinensisches Leid seien etwa an zwei von drei Tagen erschienen, vergleichbare Berichte über israelisches Leid dagegen selten.

Die „New York Times“ weist den daraus abgeleiteten Vorwurf einer systematischen antiisraelischen Voreingenommenheit zurück. Sie erklärte, ihre Redaktion habe den Krieg umfassend und aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet und treffe Entscheidungen über Sprache, Gewichtung und Ton sorgfältig. Die Studie untersucht zudem keine mutmaßlichen Absichten einzelner Journalisten, sondern die messbare Gewichtung bestimmter Aspekte innerhalb des untersuchten Textkorpus.

Gerade deshalb erhält der nun korrigierte Satz zusätzliche Bedeutung. Für sich genommen kann eine misslungene Formulierung tatsächlich ein redaktioneller Fehler sein. In Verbindung mit der aktuellen Debatte über Auswahl, Sprache und Gewichtung in der Gaza-Berichterstattung zeigt der Vorfall jedoch, wie folgenreich wenige Wörter sein können.

Der 7. Oktober ist kein narratives Konstrukt und keine Frage israelischer Selbstwahrnehmung. Menschen wurden in ihren Häusern, auf Straßen und auf einem Musikfestival ermordet, verletzt und verschleppt. Über politische Verantwortung vor und nach diesem Tag kann und muss gestritten werden.

Darüber, dass die Opfer des Hamas-Massakers Opfer waren, nicht.




Autor: Redaktion
Sonntag, 20 September 2026

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