Die Linke baut Bildungsinitiative zum Nahostkonflikt auf – und verschiebt die Realität zugunsten alter IdeologienDie Linke baut Bildungsinitiative zum Nahostkonflikt auf – und verschiebt die Realität zugunsten alter Ideologien
Die Partei präsentiert ein bundesweites Fortbildungsprogramm zum Nahostkonflikt und Antisemitismus. Doch der Schwerpunkt des Projekts verrät weniger über die Lage im Nahen Osten als über die ideologischen Muster der Linken selbst.

Von Ferran Cornellà - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159659375
Die Linke hat beschlossen, im Frühjahr 2026 eine umfassende Bildungsinitiative zu starten. Offiziell soll sie Parteimitglieder über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, Nahostgeschichte und politische Lösungsansätze informieren. Doch schon der Beschluss des Parteivorstands vom 13. Dezember offenbart: Die inhaltliche Ausrichtung folgt Leitlinien, die zentrale Realitäten des Konflikts ausblenden und bekannte Narrative reproduzieren, die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen delegitimieren oder historisch verzerren.
Im Zentrum des Programms stehen Themen wie Antisemitismus, die palästinensische Befreiungsbewegung, die NakbaNakba: Der Kampfbegriff gegen Israels GründungNakba bedeutet auf Arabisch „Katastrophe“. Der Begriff bezeichnet die Flucht und Vertreibung vieler Araber während des Krieges von 1948. Zugleich wird er politisch oft genutzt, um Israels Gründung nicht als legitime Staatswerdung, sondern als Unrecht darzustellen.Mehr lesen und politische Theorien möglicher Friedensprozesse. Die Bandbreite klingt umfassend. Doch entscheidend ist nicht, was aufgeführt wird – sondern was fehlt und wie selektiv die Schwerpunkte gesetzt sind.
Ein Projekt, das zentrale Begriffe verschiebt
Der Beschluss legt fest, dass sich die Bildungsreihe mit folgenden Aspekten befassen soll: Geschichte des Antisemitismus, die sogenannte JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Declaration of Antisemitism, historische Ereignisse im Nahen Osten, die „fortwährende Vertreibung“ der Palästinenser und Perspektiven für einen gerechten Frieden. Diese Auswahl stellt keinen ausgewogenen Überblick dar. Vielmehr folgt sie einem ideologisch geprägten Raster, das seit Jahren die Debatten innerhalb der Linken bestimmt.
Besonders problematisch ist die Hervorhebung der palästinensischen Befreiungsbewegung – ein Sammelbegriff, der historisch sowohl die PLOPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen und FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen als auch radikalisierte Strömungen umfasst, deren ideologische Wurzeln bis in die antisemitische Agitation des Muftis von Jerusalem reichen. Gleichzeitig verschweigt die Linke vollständig, dass ein wesentlicher Teil dieser Bewegung bis heute in Organisationen mündet, deren erklärtes Ziel nicht Koexistenz ist, sondern die Beseitigung des jüdischen Staates.
Was völlig fehlt: die historische Realität hinter der sogenannten Befreiungsbewegung
Wenn die Linke von der „palästinensischen Befreiungsbewegung“ spricht, meint sie in Wahrheit Organisationen wie Fatah und PLO – ohne auch nur ein Wort über deren ideologischen Ursprung zu verlieren. Die historische Linie führt direkt zu Amin al Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, einem glühenden Antisemiten und engen Verbündeten des NS Regimes. Yassir Arafat bezeichnete den Mufti wiederholt als Vorbild, die frühe Fatah wurde von dessen Gefolgsleuten geprägt, und das ideologische Fundament blieb über Jahrzehnte unangetastet: die Delegitimierung IsraelsFrom the river to the sea: Die Parole gegen Israels Existenz„From the river to the sea“ bezeichnet das Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer. In antiisraelischen Kontexten wird die Parole häufig als Forderung nach einem Palästina anstelle Israels verstanden.Mehr lesen als jüdischer Staat.
Dass die Linke diese Kontinuität ausklammert, ist kein Zufall. Jede ernsthafte Bildungsinitiative müsste die Frage stellen, weshalb zentrale Akteure der palästinensischen Nationalbewegung von Beginn an von antisemitischen und eliminatorischen Motiven getragen waren – und weshalb diese Motive bis heute fortbestehen. Stattdessen romantisiert der Beschluss die „Befreiungsbewegung“, entkernt sie politisch und passt sie an ein Weltbild an, das die historisch belasteten Wurzeln ignoriert. Das Ergebnis ist eine Darstellung, die zentrale Tatsachen verwischt und die ideologischen Ursprünge eines jahrzehntelangen Konflikts ausblendet.
Die Jerusalem Declaration of Antisemitism als politisches Werkzeug
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aufnahme der Jerusalem Declaration of Antisemitism. International gilt sie nicht als neutrales Analyseinstrument, sondern als politisch motivierter Gegenentwurf zur breit anerkannten IHRA Definition, die israelbezogenen Antisemitismus dort benennt, wo er auftritt. Die JDA verlagert diese Grenzziehung, trennt IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen und Judenhass künstlich voneinander und lässt selbst aggressive Formen antiisraelischer Rhetorik als „legitime Kritik“ erscheinen.
Dass die Linke dieses Dokument zum Kern ihrer Bildungsinitiative erhebt, macht deutlich, wie sehr die Partei Begriffe verschiebt, um die eigene Lesart des Nahostkonflikts abzusichern.
Was fehlt: die Realität der jüdischen Bedrohung
Noch gravierender ist das Schweigen zu allem, was Israel und jüdisches Leben heute tatsächlich bedroht. Weder der 7. Oktober als schwerste antisemitische Gewalttat seit der SchoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen noch die fortlaufende Aufrüstung durch Iran und seine Stellvertreter tauchen im Papier auf. Auch die massive Zunahme antisemitischer Vorfälle in Europa bleibt unerwähnt. Ebenso fehlt jeder Hinweis auf die Bedeutung Israels als Schutzraum für Millionen Juden.
Ein Bildungsprogramm, das Antisemitismus thematisiert, aber die wichtigste Form des heutigen Antisemitismus ausklammert – den israelbezogenen –, verfehlt seinen Auftrag fundamental.
Innerparteilicher Kompromiss mit eingebauter Schlagseite
Die angekündigte Arbeitsgruppe soll verschiedene innerparteiliche Positionen einbeziehen. Doch der innerparteiliche Diskurs der Linken ist seit Jahren von antiisraelischen Sichtweisen geprägt. Die „niederschwellige“ Ausrichtung bedeutet daher vor allem eine flächendeckende Verbreitung bereits bestehender ideologischer Schieflagen – nicht deren kritische Überprüfung.
Ein Angebot mit Risiken – gerade jetzt
Deutschland erlebt seit dem 7. Oktober eine antisemitische Welle, deren Ausmaß die Republik seit Jahrzehnten nicht kannte. Israel ist an mehreren Fronten bedroht. In dieser Lage trägt politische Bildung besondere Verantwortung. Der Beschluss der Linken jedoch verschiebt Begriffe, relativiert Gefahren und bekräftigt ein Weltbild, das die historische und gegenwärtige Bedrohung jüdischen Lebens nicht ernst nimmt.
Wer politische Bildung anbieten will, trägt Verantwortung. Und wer Verantwortung trägt, darf die Realität nicht durch Ideologie ersetzen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 21 Dezember 2025