Verhandlungen ja, Waffen behalten: Die neue Palästinenser-Umfrage entlarvt das schöne Friedensbild

Verhandlungen ja, Waffen behalten: Die neue Palästinenser-Umfrage entlarvt das schöne Friedensbild


Hamas verliert deutlich an Rückhalt, Verhandlungen gewinnen an Zustimmung. Doch 72 Prozent wollen eine Entwaffnung der Hamas erst nach einem vollständigen israelischen Rückzug. Gleichzeitig wäre Marwan Barghouti, wegen fünf Morden zu fünfmal lebenslanger Haft verurteilt, derzeit der klare Favorit für die Nachfolge von Mahmoud Abbas.

Verhandlungen ja, Waffen behalten: Die neue Palästinenser-Umfrage entlarvt das schöne Friedensbild
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Auf den ersten Blick klingt die neue palästinensische Umfrage beinahe wie eine gute Nachricht.

HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen verliert massiv an Unterstützung. Nur noch 24 Prozent der Befragten erklären ihre Zustimmung zur Terrororganisation, vor zehn Monaten waren es noch 35 Prozent. Der bewaffnete Kampf verliert ebenfalls an Attraktivität. 44 Prozent halten inzwischen Verhandlungen für das wirksamste Mittel zur Durchsetzung palästinensischer Ziele, nur noch 27 Prozent nennen den bewaffneten Kampf.
Man könnte daraus eine einfache Geschichte machen: Die PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen hätten genug vom Krieg und bewegten sich in Richtung Frieden.

Nur erzählt die gleiche Umfrage noch eine zweite Geschichte.

Und die ist deutlich unbequemer.

72 Prozent lehnen eine Entwaffnung der Hamas ab, solange IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen sich nicht vollständig aus dem GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen zurückgezogen hat. Ebenso viele glauben, eine vorherige Entwaffnung werde am Ende lediglich dazu führen, dass Israel den Krieg wieder aufnimmt.

Verhandlungen also ja.

Die Waffen aber zunächst behalten.

Das ist kein nebensächlicher Widerspruch. Es ist der entscheidende Punkt.

Denn Verhandlungen sind nicht automatisch Frieden. Man kann verhandeln, um einen Krieg zu beenden. Man kann aber auch verhandeln, um bessere Bedingungen zu erhalten, während die militärische Option erhalten bleibt.

Genau deshalb darf die steigende Zustimmung zu Gesprächen nicht isoliert betrachtet werden.

Abbas verspricht der Welt „ein Staat, ein Gesetz, eine Waffe“

Mahmoud Abbas präsentiert international seit Langem ein anderes Bild.

Vor der UN-Generalversammlung erklärte er im September 2025 ausdrücklich, Hamas dürfe künftig keine Rolle in der Regierung spielen und müsse gemeinsam mit anderen bewaffneten Gruppen ihre Waffen an die Palästinensische AutonomiebehördePLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen abgeben.

Seine Formel lautete: ein Staat, ein Gesetz und eine legitime Sicherheitskraft. Eine künftige palästinensische Staatlichkeit solle nicht militarisiert sein.

Das klingt eindeutig.

Und genau diese Linie wird international gern aufgegriffen.

Sie erlaubt europäischen Regierungen, Abbas als Partner für einen künftigen palästinensischen Staat darzustellen und zwischen der Autonomiebehörde auf der einen und Hamas auf der anderen Seite eine saubere politische Trennlinie zu ziehen.

Nur zeigt die aktuelle Umfrage, dass Abbas mit dieser Position in der eigenen Bevölkerung keineswegs auf einer gefestigten Mehrheit sitzt.

79 Prozent wollen inzwischen sogar, dass er zurücktritt. Seine persönliche Zustimmung liegt am Boden.

Und der Mann, den die Palästinenser am ehesten an seiner Stelle sehen wollen, steht für etwas anderes als das internationale Bild eines unbelasteten demokratischen Neuanfangs.

Favorit ist ein wegen fünf Morden verurteilter Mann

39 Prozent halten Marwan Barghouti für den geeignetsten Nachfolger von Abbas.

In einer hypothetischen Präsidentschaftswahl unter wahrscheinlichen Wählern käme Barghouti sogar auf 54 Prozent. Hamas-Chef Khalil al-Hayya erreicht 26 Prozent, Abbas lediglich 14 Prozent.

Barghouti ist kein gewöhnlicher Oppositionspolitiker in israelischer Haft.

Ein israelisches Gericht verurteilte ihn 2004 wegen fünf Morden und eines versuchten Mordes zu fünf aufeinanderfolgenden lebenslangen Haftstrafen und weiteren 40 Jahren Gefängnis.

Dass genau dieser Mann heute der populärste Kandidat für das höchste palästinensische Amt ist, darf man nicht aus einer Analyse herausfiltern, nur weil es nicht zum gewünschten politischen Bild passt.

Es bedeutet nicht, dass jeder seiner möglichen Wähler Mord unterstützt.

Aber es bedeutet sehr wohl, dass fünf Mordverurteilungen offenbar für einen erheblichen Teil der palästinensischen Öffentlichkeit kein Ausschlusskriterium für die politische Führung darstellen.

Und genau das führt zum tieferen Problem.

Gewalt kann politisches Kapital sein

In der palästinensischen politischen Kultur besitzen Gefangenschaft, bewaffneter „Widerstand“ und das sogenannte Märtyrertum seit Jahrzehnten einen besonderen Stellenwert.

Ein langer Aufenthalt in israelischer Haft kann einen Politiker nicht diskreditieren, sondern seinen Status sogar erhöhen.

Das ist einer der Gründe, warum Barghouti trotz seiner Verurteilungen nicht politisch erledigt ist.

Im Gegenteil.

Seine Haft gehört inzwischen zu seinem politischen Mythos.

Dasselbe Grundmuster zeigt sich an anderer Stelle: Terroristen und ihre Familien wurden über Jahre durch ein Zahlungssystem der Palästinensischen Autonomiebehörde finanziell unterstützt. Abbas hat das alte, an Gefangenenstatus und Haftdauer gekoppelte System 2025 formal abgeschafft und durch ein neues Sozialmodell ersetzt. Ob damit auch die dahinterstehende politische Kultur verschwunden ist, ist eine ganz andere Frage.

Eine Vorschrift lässt sich ändern.

Die gesellschaftliche Verherrlichung von „Widerstand“, Gefangenschaft und Märtyrertum verschwindet dadurch nicht automatisch.

Die Popularität Barghoutis ist dafür zumindest ein starkes Warnsignal.

Sánchez sieht Fatah als Partner für Verhandlungen

Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez zeichnet seit Langem ein deutlich optimistischeres Bild der palästinensischen Führung.

Im Mai unterstützte er den FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen-Parteitag ausdrücklich und erinnerte an die historische Zusammenarbeit zwischen der Sozialistischen Internationale und Fatah von Jassir Arafat bis Mahmoud Abbas. Sánchez würdigte dabei den Einsatz für eine „verhandelte Lösung“, die Frieden und Stabilität bringen solle.

Spanien gehört international zu den entschiedensten Unterstützern eines palästinensischen Staates und der Zweistaatenlösung.

Das ist eine legitime außenpolitische Position.

Aber die aktuelle Umfrage stellt eine Frage, über die Madrid kaum spricht:

Was für eine politische Führung würde dieser Staat tatsächlich bekommen, wenn heute gewählt würde?

Die Antwort lautet derzeit nicht Mahmoud Abbas.

Und auch nicht irgendein neuer Technokrat.

Die Antwort lautet Marwan Barghouti.

Ein Mann mit fünf lebenslangen Mordurteilen.

Erdoğan spricht von zwei Staaten, aber Hamas bleibt für ihn „Widerstand“

Noch größer wird der Widerspruch bei Recep Tayyip Erdoğan.

Er empfing Abbas erst am 12. August mit großem Zeremoniell in Ankara und erklärte anschließend, die Türkei werde weiter für einen unabhängigen palästinensischen Staat auf Grundlage der Linien von 1967 mit OstjerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen als Hauptstadt kämpfen.

Auch Ankara verkauft damit die Perspektive eines politischen Friedensprozesses und einer Zweistaatenlösung.

Gleichzeitig hat Erdoğan Hamas nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen wiederholt ausdrücklich nicht als Terrororganisation bezeichnet, sondern als „Widerstandsgruppe“ beziehungsweise Befreiungsbewegung. Diese Haltung hat die Türkei grundsätzlich nicht aufgegeben.

Gerade daran zeigt sich die politische Schieflage.

Erdoğan verlangt einen palästinensischen Staat und spricht von Frieden, lehnt aber die grundlegende Einordnung jener Organisation ab, die am 7. Oktober das schlimmste Massaker an Juden seit der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen verübte.

Die aktuelle palästinensische Umfrage passt erschreckend gut zu dieser Ambivalenz.

Verhandlungen finden Zustimmung.

Aber die Waffen sollen nicht einfach verschwinden.

Hamas verliert an Unterstützung.

Aber ein wegen fünf Morden verurteilter Mann wird zum Favoriten für das Präsidentenamt.

Das ist kein klarer Friedenskurs

Die Umfrage zeigt durchaus Veränderungen.

Man sollte sie nicht kleinreden.

Nur noch 20 Prozent glauben, Hamas habe den Gaza-Krieg gewonnen. Vor zehn Monaten waren es noch 39 Prozent. Die Zufriedenheit mit der Terrororganisation ist von 60 auf 42 Prozent gefallen.

In Gaza selbst halten inzwischen 65 Prozent den bewaffneten Kampf für erfolglos. Sie sehen, dass er weder Schutz geschaffen noch die politischen Ziele erreicht hat und stattdessen enorme Zerstörung brachte.

Das ist eine wichtige Entwicklung.

Nur sollte man sie nicht mit einer moralischen Abkehr von Gewalt verwechseln.

Es kann ebenso gut eine nüchterne Erkenntnis sein:

Der bisherige Weg hat nicht funktioniert.

Das ist etwas anderes als:

Dieser Weg war falsch und wir verzichten künftig darauf.

Die 72 Prozent gegen eine vorzeitige Entwaffnung der Hamas zeigen genau diese Differenz.

Die Märtyrerlogik bleibt das eigentliche Problem

Frieden braucht mehr als eine Mehrheit, die Gespräche für effektiver hält als Raketen.

Er braucht eine politische Kultur, in der Mord kein Prestige erzeugt.

In der ein wegen fünf Morden verurteilter Mann nicht gerade deshalb zum nationalen Symbol werden kann.

In der Terroristen nicht als Märtyrer oder Widerstandshelden verklärt werden.

Und in der Waffen nicht als Verhandlungsmasse aufbewahrt werden, sondern das Gewaltmonopol tatsächlich bei einer staatlichen Institution liegt.

Abbas kennt diese Sprache.

Vor der UN sagt er genau das: ein Staat, ein Gesetz, eine Waffe.

Die Umfrage zeigt jedoch, wie weit die palästinensische Gesellschaft von diesem Bild noch entfernt sein kann.

Das gilt auch für jene europäischen und regionalen Politiker, die gern so sprechen, als müsse nur noch Israel den richtigen politischen Schritt machen und ein friedlicher palästinensischer Staat stehe praktisch bereit.

Pedro Sánchez kann die Fatah als Partner eines verhandelten Friedens darstellen.

Recep Tayyip Erdoğan kann einen palästinensischen Staat fordern.

Mahmoud Abbas kann vor den Vereinten Nationen die Entwaffnung der Hamas versprechen.

Aber eine Umfrage unter den Menschen, die in diesem Staat leben und seine Führung wählen würden, lässt sich nicht wegreden.

Sie zeigt eine Gesellschaft, die des Krieges müde ist und zunehmend an der Wirksamkeit bewaffneter Gewalt zweifelt.

Sie zeigt aber zugleich eine Gesellschaft, in der eine überwältigende Mehrheit die Waffen der Hamas zunächst erhalten will und ein wegen fünf Morden verurteilter Mann der populärste Kandidat für das Präsidentenamt ist.

Das ist keine Nebensächlichkeit.

Es ist die Frage, auf welchem politischen Fundament der immer wieder geforderte palästinensische Staat tatsächlich errichtet werden soll.

Verhandlungen allein beantworten diese Frage nicht.

Und Frieden entsteht nicht dadurch, dass man mit Waffen am Tisch sitzt und den Mörder anschließend zum Präsidenten wählt.




Autor: Redaktion
Sonntag, 23 August 2026

haOlam unterstützen

haOlam ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage