Mit Hurra in den Untergang oder die Preußen-Nostalgie

Mit Hurra in den Untergang oder die Preußen-Nostalgie




von C. S. Oppenheimer

Mehr als sechs Jahrzehnte sind ins Land gezogen seit der alliierte Kontrollrat 1947 Preußen auflöste. Vom Spätmittelalter bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg existierte dieser Staat, der sich vom Baltikum bis an die Westgrenzen des Reiches erstreckte und fast den gesamten norddeutschen Raum umfasste.

Dennoch gibt es seit der Auflösung eine Art Preußen-Nostalgie, die in unseren Tagen einen Höhepunkt erreicht mit der Verklärung preußischer Werte, allen voran dem preußischen Liberalismus und der scheinbaren Toleranz, die dort geherrscht haben soll.
Bei aller Schwärmerei sollte nicht außer acht gelassen: Preußen stand auch für einen waffenstarrenden Militarismus, sowie Autoritarismus, Imperialismus und auf eine demokratiefeindliche und reaktionäre Politik. (Hierbei sei angemerkt, dass Preußen weniger Kriege führte als etwa Frankreich und England)
Der Staatsbildungsprozess Preußens unterscheidet sich grundsätzlich von dem anderer europäischer Mächte wie Frankreich oder England. Das 1701 entstandene Königreich, war nicht durch eine Kultur gewachsen oder das Produkt, der geschichtlichen Entwicklung eines Volkes. Seine Gebiete lagen weit verstreut, daher fehlte ein weiterer wichtiger Faktor für einen natürlichen Staatsbildungsprozess, nämlich die Organisation und Zusammenfassung geografisch zusammenhängender Gebiete. So war der preußische Staat ausschließlich Ausdruck des Machtwillens seiner Eliten.
In anderen, historisch gewachsenen Staaten, passte man sich den Bedürfnissen der Gesellschaft an. In Preußen, wo die Voraussetzungen für eine Staatswerdung fehlten, hat der Staat die Gesellschaft nach seinen Bedürfnissen geformt, hat der Staat sich den Bürger zurechtgebogen. Es entstand ein straffer Herrschaftsapparat, der durch seine Machtfülle und Organisationsfähigkeit seinen Nachbarn für einige Zeit überlegen war.
Bei der Errichtung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 übertrug man das preußische Modell auf das übrige Deutschland. Das neu gegründete Kaiserreich war die Vision seines Kanzlers Otto von Bismarck: es wurde zwar vom Volk ausgiebig bejubelt, war aber durch seine Machtelite, den Fürsten des Reiches entstanden.
Eine Generation zuvor lehnte der preußische König die Kaiserkrone, die im die Frankfurter Nationalversammlung, das erste frei gewählte Parlament der „deutschen“ Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reichs angetragen hatte mit dem Kommentar, „Krone aus der Gosse“ ab.

Bei manchen verursachte die Gründung von Bismarcks Reich aus „Blut und Eisen“ auch Unwohlsein, sogar bei gekrönten Häuptern. Märchenkönig Ludwig II erschien gar nicht erst zur Proklamation in Versailles. Otto, Bruder des bayerischen Monarchen schrieb: „Ach Ludwig, ich kann Dir gar nicht beschreiben wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Zeremonie zumute war […] Alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“

Auf den Eisernen Kanzler folgte 1888 eine neue Epoche: die wilhelminische, benannt nach seinem Namensgeber Wilhelm II. Jener Kaiser, der Preußens Glanz und Gloria zur Schau stellte, wie kein anderer. Jenes Staatsoberhaupt von dem Bismarck sagte, „er könne nicht schweigen, sei Schmeichlern zugänglich und könne Deutschland in einen Krieg stürzen, ohne es zu ahnen und zu wollen.“
Ein Mann wie Wilhelm war ein Risikofaktor, nicht nur auf der Weltbühne, sondern auch an der Spitze dieses Herrschaftssystems. Heute, hundert Jahre später sei es erlaubt, seine Regierung mit den Worten „mit Hurra in den Untergang“ zu bezeichnen.
Gewollt oder ungewollt - Kaiser Wilhelm II. war es dann auch, der im Sommer des Jahres 1914 die Urkatastrophe des 20. Jahrhundert lostrat: den 1. Weltkrieg.
Erst in der Weimarer Republik befreite sich das sittenstrenge Preußen aus seinem Korsett. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Doch wie stand es um die viel gerühmte preußische Toleranz? Verglichen mit Nachbarstaaten galt Preußen in Fragen der Religionsausübung als verhältnismäßig „tolerant“. Das traf insbesondere auf die Regierungszeiten auf den Friedrich Wilhelm I., zu welcher die Salzburger Exulanten, protestantische Glaubensflüchtlinge, in Preußen aufnahm.
Die Bemerkung „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ geht auf Friedrich II zurück.
Aber diese Toleranz galt nicht für alle – nicht für Juden. Die Mär von Preußens Aufgeschlossenheit gegenüber Juden fußt auf diesem Zitat. Die Realität sah ganz anders aus. „Die Juden sind von allen Sekten die gefährlichste und man muss verhindern, dass ihre Zahl wächst.“ meinte der Alte Fritz. Auch sein Hofphilosoph Voltaire und der im ostpreußischen Königsberg ansässige Immanuel Kant standen in puncto Antisemitismus in nichts nach.

Friedrich II. verweigerte Moses Mendelson die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften, obwohl die klügsten Köpfe des Landes ihn einstimmig gewählt hatten.

Ein weiteres Indiz für die Judenpolitik war das Rosenthaler Tor - bis ins 19. Jahrhundert eines der wenigen, durch das Juden Berlin betreten durften. Juden konnten Preußens Hautstadt nur durch das Tor betreten, durch welches man das Vieh zu Markte trieb.

Gesetzliche Gleichstellung erhielten Juden erst 1919 mit der Weimarer Republik, die Republik, die am 30.01.1933 zu Grabe getragen wurde.

Und die Moral von der Geschicht´:
den Mythos vom ach so toleranten und judenfreundlichen Preußen kann man getrost im Reich der Sagen und Märchen ansiedeln.

 

Foto: Moltke, eine Symbolfiguren des preußisch-deutschen Militarismus mit Pickelhaube als Schutz vor "artfremden Gedanken" (Foto: von Tbachner (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons)

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Montag, 14 April 2014