Yassir Arafats abgesagter Besuch im Holocaust Memorial Museum

Yassir Arafats abgesagter Besuch im Holocaust Memorial Museum




Dr. Manfred Gerstenfeld interviewt Walter Reich

Im Januar 1998 wurden von Präsident Clintons Administration große Anstrengungen unternommen ein israelisch-palästinensisches Friedensabkommen zu erreichen. Yassir Arafat flog nach Washington, um sich mit Clinton zu treffen. Viele Israelis und amerikanische Juden waren skeptisch, was Arafats Vertrauenswürdigkeit anging, nachdem über Jahre bei Post-Oslo-Bombenanschlägen eine Menge Israelis getötet worden waren.

Das Bemühen der Administration, dass Arafat das Washingtoner Holocaustmuseum besuchen sollte, war ein atemberaubender manipulativer Akt. Der Offizielle, der ihn initiierte, war ein Mitglied des Friedensteams des Weißen Hauses, Aaron David Miller. Er betrachtete den Besuch als Möglichkeit die diplomatische Agenda der Administration voranzubringen und nutzte seine Mitgliedschaft im Museumsvorstand – dem Holocaust-Rat – um dessen Vorsitzenden Miles Lerman zu überzeugen die Einladung zu genehmigen.

Walter Reich war von 1995 bis 1998 Direktor des United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC. Heute ist er der Yitzhak Rabin Memorial-Professor für internationale Angelegenheiten, Ethik und menschliches Verhalten an der George Washington University.

Obwohl ich der Museumsdirektor war, wurde ich über die Einladung nicht informiert. Sobald Lerman mir von der „Idee“ Arafat einzuladen erzählte – ohne mir zu sagen, dass die Einladung bereits ausgesprochen wurde – sagte ich, das sei eine furchtbare Idee, denn damit würde die Erinnerung an die Toten des Holocaust ausgebeutet. Ein solcher Besuch, betonte ich, würde das Museum für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung missbrauchen. Es würde ein Fototermin sein, bei dem das Museum und die von ihm repräsentierten Opfer als Requisite dienten.

Ich fügte hinzu, dass Arafat eingeladen worden war Yad Vashem zu besuchen, Israels Gedenkstätte für den Holocaust, ebenfalls ein Museum und mindestens genauso lehrreich wie das Holocaust-Museum in Washington. Er machte sich nie Gedanken darüber die Einladung anzunehmen, obwohl er in der Nähe lebte. Der Besuch des Washingtoner Museums würde sich in den eines rituellen Reinigungsbades verwandeln. Ich fragte: „Diese Woche ist es Arafat und nächste Woche Milosevic?“ Ich warnte, dass Arafat durchaus aus dem Museum treten und erklären könnte, dass er endlich verstehe, warum die Israelis sich so um Sicherheit sorgen, aber was Nazideutschland den Juden antat, sei genau das, was Israel den Palästinensern antut.

In Reaktion darauf sagte Lerman Miller, er solle Arafat wieder ausladen, was der auch tat. Die gekränkten Palästinenser ließen die Ausladung an die Presse durchsickern, was Druck für eine Wiedereinladung durch die Clinton-Administration auslöste. Lerman wurde angerufenund Außenministerin Madeline Albright sagte in NBCs „Meet the Press“ es sei ein Jammer, dass die Einladung an Arafat zurückgezogen worden war und: „Es wäre angemessen gewesen, wenn er das Museum als VIP besucht hätte.“

Heimgesucht von diesen sowie weiteren Anrufen und Kritik und Berichten zufolge in der Furcht, er würde seinen Job verlieren, ging Lerman in Arafats Hotel und lud ihn erneut ein. Bei einem Treffen des Exekutivkomitees des Holocaust-Rats bat mich ein Mitglied nach dem anderen, Arafat durch das Museum zu begleiten und sogar neben ihm zu stehen, wenn er einen Kranz vor der ewigen Flamme des Museums niederlegte. Ich lehnte alle diese Anfragen ab. Es war, sagte ich, eine Gewissensfrage in einem Museum des Gewissens.

An dem Tag, an dem Arafat ins Museum kommen sollte, sagte sein Mitarbeiterstab aber den Besuch ab. Der Skandal um Monica Lewinsky war gerade öffentlich geworden und Washingtons Pressekorps und Fotografen brachen über das Weiße Haus herein, um darüber zu berichten. Arafats Gelegenheit für Fotos und die öffentliche Meinung zu beeinflussen wäre vorbei gewesen. Später trat ich als Museumsdirektor zurück. Dem Vorsitzenden schrieb ich, dass ich anderer Ansicht als er sei, „was die Nutzung des Museums und die Erinnerung an den Holocaust im Kontext politischer und diplomatischer Sachverhalte und Verhandlungen angeht“.

Im Gefolge des Arafat-Skandals verfügte der Kongressausschuss, der das Holocaust-Museum finanziert, eine Studie der Institution. Sein Bericht stärkte mir den Rücken. Eine vom Ausschuss in Auftrag gegebene Studie nach dem Arafat-Skandal zitierte Besorgnis, dass „Bundesinstitutionen, besonders eine, die moralisches Gewicht zum Holocaust besitzt, anfällig für politischen Druck seitens der Exekutive und des Kongresses sind“ und dass das Holocaust-Museum „nicht als Mittel genutzt werden sollte bestimmte politische Ziele zu erreichen“, wie es bei der Arafat-Affäre geschah.

Aus all dem gibt es wichtige moralische und psychologische Lektionen zu lernen. Man hat eine Verpflichtung die Integrität der Geschichte zu schützen. Und man sollte erkennen, dass selbst diejenigen, die mit der Verantwortung betraut wurden die Holocaust-Erinnerung zu bewahren, unter Druck gesetzt werden können, diese Erinnerung zum Voranbringen politischer und diplomatischer Ziele auszunutzen – und sich selbst zu überzeugen damit das Richtige zu tun. Eine positive Folge der „Arafat-Affäre“ besteht darin, dass sie das Holocaust-Museum für zukünftige politische Kaperungen durch die Bundesregierung immun gemacht haben könnte.

Es gibt einen Nachtrag zu dieser Geschichte. Zwölf Jahre nach dem Vorfall machte Miller in einem mea culpa-Op-ed in der Washington Post etwas Seltenes und Bewundernswertes. Er gab zu, dass er falsch lag. Er nannte den Versuch Arafat einzuladen „eine der dümmsten Ideen in den Annalen der US-Außenpolitik“. Er gab reumütig zu: „Es gibt eine große Gefahr, die Erinnerung zu missbrauchen und zu versuchen, sie mit einer anderen Agenda oder einer tragischen historischen Erfahrung zu verbinden, die in das Gemüt von Millionen eingebrannt ist.“

 

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war. - Erstveröffentlicht bei unserem Partnerblog Heplev / Foto: Antidemokraten unter sich - der Ägypter Yassir Arafat und der Deutsche Erich Honecker (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W1229-028 / Reiche, Hartmut / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons)

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 15 April 2014






Schon am Vormittag mit dem Tischtuchindianer konfrontiert zu werden, geht schon an die Grenzen der Belastbarkeit.;-)



@1  aber unter dem "Tischtuch" war wohl nicht viel...