In Köln wird am 6. September gegen Antisemitismus demonstriert - ein Interview mit den Organisatoren: “Israel ist der Jude unter den Staaten”

In Köln wird am 6. September gegen Antisemitismus demonstriert - ein Interview mit den Organisatoren:

“Israel ist der Jude unter den Staaten”




Das “Bündnis gegen Israelkritik” engagiert sich gegen Antisemitismus. Unser Gastautor Benedikt Johannes hat mit Markus Reissdorf, dem Sprecher des Bündnisses, gesprochen.

Warum habt ihr euer Bündnis „Bündnis gegen Israelkritik“ genannt? Wollt ihr Israelkritik verbieten?

Reissdorf: Nein, wir wollen nichts verbieten. Doch sind wir, wie der Name unseres Bündnisses schon sagt, gegen Israelkritik. Dieser Reaktion begegnen wir jedoch ziemlich häufig, ebenso wie der Floskel ´Man wird doch Israel noch kritisieren dürfen´. Anders als diejenigen, die so fragen, glauben machen wollen, ist Israelkritik in Deutschland aber ein Massensport und keine unterdrückte Meinung. Schon das eingeschliffene Wort der Israelkritik, für das es keine Entsprechung für andere Länder gibt, macht deutlich, dass es sich um eine Worthülse handelt. Es gibt keine Spanienkritik oder Frankreichkritik. Es geht den Israelkritikern um eine zeitgemäße Formulierung ihres antisemitischen Ressentiments. Konkret bezogen auf die Ereignisse der letzten Wochen ist Israelkritik das Ticket, das jeder Antisemit lösen kann, ohne von der Staatsräson, die den offenen Antisemitismus ja verbietet, in die Schranken gewiesen zu werden. Die sogenannten Differenzierungen, die zwischen Judenhass und Israelkritik unterscheiden wollen, wurden von den Antisemiten verstanden, und an ihre Demonstranten durchgereicht: Sagt nicht “Juden”, sondern sagt “Zionisten”.

Ist also jede Kritik an Israel antisemitisch?

Unter den gegebenen Voraussetzungen ist jede Israelkritik antisemitisch. Lassen Sie mich das erläutern: Man kann Frankreich in vielen Belangen kritisieren, man kann die Wirtschaftspolitik, die Rüstungspolitik, die Außenpolitik, das demokratische Verfahren, also im Grunde alle Aspekte Frankreichs kritisieren, ohne dass dies die Existenz der Franzosen in Frage stellen würde. Ähnlich verhält es sich mit fast jedem Staat auf der Welt. Aber Israel ist ein in seiner Existenz bedrohter Staat, zu dem es keine Alternative gibt. Und anders als jeder andere Staat wurde Israel gegründet, um den von Antisemitismus bedrohten Menschen Schutz zu bieten, die im Ernstfall vom eigenen Staat oder von den anderen Staaten nicht geschützt würden. Deshalb kann es keine Kritik an Israel geben, wie es sie an Frankreich geben könnte, aber auch nicht gibt. Israel ist der Jude unter den Staaten und die Israelkritik ist das geopolitische Äquivalent des Antisemitismus. Alles, was derzeit als Kritik an der israelischen Regierung daherkommt, greift die “Kindermörder”-Rufe der Islamisten als aktualisierte Form der Ritualmordlegende auf und kritisiert gleichzeitig alles, was zur Sicherung der Existenz Israels dient. Und so wie es keinen Antisemitismus gibt, der es nicht auf die Vernichtung der Juden abgesehen hat, so gibt es auch keine Israelkritik, die nicht der Vernichtung des Staates Israel das Wort redet und damit die Existenz der in Israel und letztlich aller weltweit lebenden Juden bedroht, die der israelische Staat mit seinen Gewaltmitteln beschützt.

Warum betont ihr, Israelkritik sei kein Menschenrecht?

Das Recht auf Israelkritik wird von ihren Vertretern als ein Menschenrecht verstanden, das ihnen angeblich von verschworenen Kräften bestritten wird und sie mit Sanktionen belegt. Dabei beruft man sich gerne auf das Recht der Meinungsfreiheit. Gegen Kritik an seinen Behauptungen immunisiert sich der Israelkritiker durch die Klage, seine Menschenrechte würden unterdrückt. Die eingeforderte Meinungsfreiheit des Israelkritikers bestünde also in der Sicherheit, gegen alle Fakten und Widersprüche auf seiner Delegitimierung und Dämonisierung Israels zu beharren und sich dabei keinesfalls durch Kritik beirren lassen zu müssen. Indem Israelkritik geradezu als Menschenrecht eingefordert wird, wird es assoziativ in eine Reihe mit elementaren Menschenrechten, etwa auf Wohnung, soziale Sicherheit oder körperliche Unversehrtheit, gestellt. Die begründete Ablehnung der Israelkritik erscheint in dieser Weltanschauung geradezu als Angriff auf die Menschlichkeit.

Es gibt zwar kein Menschenrecht auf Israelkritik, aber doch ein Recht auf freie Meinungsäußerung…

Das steht außer Frage. Aber es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass eine Meinungsäußerung auf ihre innere Logik und ihre materiellen Konsequenzen hin untersucht werden sollte und aufgegeben werden muss, wenn sie falsch ist. Vollständig verwirklicht würde das “Menschenrecht” auf unangefochtene Israelkritik in das irrsinnige Privileg münden, dem Vernichtungswunsch gegen den jüdischen Staat den Rang eines unhinterfragbaren und unveräußerlichen Anspruchs zu geben. Das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung, wie es zuerst die Französische und Amerikanische Revolution einforderten, geht dagegen von freien und aufgeklärten Bürgern aus, die in einer auf Logik und Evidenz basierenden Diskussion gemeinsam darüber streiten, eine vernünftig eingerichtete Welt und eine im Streben nach Unversehrtheit und Freiheit aller Menschen vereinte Menschheit zu erreichen. Die Israelkritik kämpft mit ihrem Anspruch, auch wider jede Logik und Evidenz auf ihrem Standpunkt zu beharren, gegen die vernünftigen Voraussetzungen eines gelingenden Meinungsaustauschs, wie ihn die Freiheit der Rede sicherstellen will. Kurz gesagt fordern die Israelkritiker nicht die Freiheit des rationalen Meinungsaustauschs, sondern stets die unbedingte Durchsetzung ihrer willkürlichen, irrationalen Meinung.

Nicht nur in dieser Hinsicht ist der Aufruf zur Demonstration in Köln resolut. Warum wird in eurem Aufruf der Islam an erster Stelle angegriffen und warum unterscheidet ihr nicht zwischen Islam und Islamismus?

Der Islam wird in unserem Aufruf deshalb an so prominenter Stelle erwähnt, weil die Gewalt, die während und nach den Demonstrationen gegen Israel von den Demonstranten ausging und eine körperliche Bedrohung für die hier lebenden Juden darstellte, mehrheitlich von Muslimen ausging, auch wenn die Demonstrationen wie zum Beispiel in Essen oftmals von Linken unterstützt wurden. Es ist bekannt, dass die Judenfeindschaft ein integraler Bestandteil sowohl der islamischen Geschichte als auch der gegenwärtigen islamischen Kultur ist. Dieser Judenhass wurde und wird immer wieder aktualisiert und führte zum Beispiel zur Kooperation von muslimischen Führern mit den Nazis. Der real existierende Islam als ungeglaubter Glaube und Hort von Tyrannei und Gegenaufklärung zeigt sich in diesen Wochen in der pogromartigen Verfolgung und Ermordung von Un- und Andersgläubigen. Wo gehen denn Muslime im Namen des Islam auf die Straße, um gegen diese Barbarei zu demonstrieren? Wo demonstrieren Muslime gegen die Ermordung ihrer Glaubensbrüder durch andere Muslime? Über die stets eingeforderte Unterscheidung von Islamismus und Islam stimmen die Muslime mit den Füßen ab. Dies ist zunächst ein praktisches Argument, warum wir uns dagegen entschieden haben, vom Islamismus zu sprechen. Aber auch theoretisch ist die Scheidelinie zwischen Islamismus und dem Islam nicht aufrechtzuerhalten. Weil der Koran eine wortgetreue Wiedergabe einer himmlischen Urversion seiner selbst sein soll, wird er von Muslimen wortwörtlich verstanden. Eine interpretierende Lesart des Koran wird sowohl von den Islamisten wie vom Mehrheitsislam abgelehnt. Und weil Mohammed in Medina herrschte und diese Herrschaft heute von der Mehrheit der Muslime als vorbildlich angesehen wird, gibt es keinen unpolitischen Islam. Wir sagen nicht, dass es keine ehrenwerten, friedlichen Muslime gibt. Nicht diese Muslime sind das Problem, sondern der Islam in seiner bisherigen und aktuellen Verfassung.

Gibt es denn nicht auch einen gemäßigten Islam?

Es gibt selbstverständlich gemäßigte Moslems, aber gerade diese wirken nicht als mäßigende Kräfte im Islam, weil dieser ihnen relativ egal ist. Viele Menschen bezeichnen sich als Moslems, aber der Islam ist für sie nur eine Erinnerung oder bietet ihnen einen netten Anlass für traditionelle Feste. Doch die wohlfeile Behauptung, der eigentliche, wahre Islam hätte mit dem politischen nichts zu tun, blamiert sich an der völligen Tatenlosigkeit gegen das andauernde oder ständig angedrohte Massaker. Auch die hiesigen offiziellen Muslime fanden mehr Gefallen an den Parolen vom „Kindermörder Israel“, an der totalen Dämonisierung nicht nur Israels, sondern der Juden überhaupt. Für eine Kritik am Abschlachten ihrer Glaubensgenossen im Irak und in Syrien waren sie kaum zu bewegen. Die Tatsache, dass es auch von den gemäßigten Muslimen keine Anstalten gab, den Antisemiten massenhaft entgegenzutreten, verbindet sie mit der infamen Gleichgültigkeit der übrigen, nicht-muslimischen Deutschen.

In eurem Aufruf thematisiert ihr das Verhältnis von deutscher Mehrheitsgesellschaft und den vorwiegend muslimisch geprägten propalästinensischen Demonstranten der letzten Wochen. Wie würdet ihr dieses Verhältnis beschreiben?

Das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu diesen Demonstranten ist ein ambivalentes. Einerseits sind diese Demonstrationen denen peinlich, die gewohnt sind, im Namen der Allgemeinheit zu schreiben und schon deshalb meinen, Verantwortung für Deutschland übernehmen zu müssen – denen stößt ein zu offensichtlich zur Schau getragener Antisemitismus auf, weil er den Ruf Deutschlands gefährden könnte. Andererseits wurden diese Demonstrationen gerade durch die Art der Berichterstattung in den Medien vorbereitet. Immer wieder wurde eine Verhältnismäßigkeit der Mittel von Israel gefordert und zur Unterlegung dieses Arguments das Ungleichgewicht der Opferzahlen hervorgehoben, so als wäre die Verteidigung Israels erst gerechtfertigt, wenn die Hamas ihr Ziel, die Juden umzubringen, erreicht hätte. Die Israelkritik befeuerte eine Stimmung, durch die der Mob auf der Straße sich als ausreichend legitimiert sehen konnte, den Worten Nachdruck zu verleihen. Dass der Mob sich dabei nicht mit den begrifflichen Feinheiten aufgehalten hat, die doch für das deutsche Selbstverständnis so wichtig sind, wird nun als mangelnde Integrationsleistung angesehen. Für Antisemiten sei kein Platz in Deutschland, wird nun plötzlich von denen gerufen, die bislang gegen den jüdischen Staat gehetzt und den Mob mit angestiftet haben. Es ist doch seit Jahren bekannt, dass es selbst nach den windelweichen Interviewfragen der Meinungsforschung in Deutschland einen festen Anteil von ca. 20 Prozent Antisemiten gibt. Fragt man danach, welcher Staat der größte Feind des Weltfriedens sei, nennen 65 Prozent der Deutschen Israel an erster Stelle. Angesichts solcher Zahlen muss man die antisemitischen Demonstrationen eher als Integrationsversuch werten. Dieser Versuch ist missglückt, weil die Demonstranten offen aussprachen, was die Mehrheit nur verdruckst zu Protokoll brachte. Deshalb sehen die Journalisten und Politiker momentan ihre Aufgabe darin, den Muslimen den politisch bereinigten Jargon der Israelkritik beizubringen.

 

Demonstration gegen Antisemitismus und Israelhass - Samstag, 6. Septemberum 15 : 00 Uhr, Köln, Mensa der Universität Köln, Zülpicher Straße 70. Wir rufen alle unsere Leserinnen und Leser auf, möglichst zahlreich an der Demonstration teilzunehmen und ein ebenso entschlossen, wie auch offensives und kompromissloses Zeichen zu setzen!

 

Link zum Thema:

Blog des Bündnisses gegen Israelkritik NRW

 

Lesen Sie hierzu auch:


Autor: fischerde
Bild Quelle:


Sonntag, 31 August 2014






Israelkritik hin und her, ist auch nur eine gehobene Formulierung für plumpen Antisemitismus. basta..



Der Name des Bündnises ist ziemlich unglücklich gewählt. Besser wäre "Bündnis gegen Israelfeindlichkeit" oder so etwas Ähnliches. Kritik ist an sich etwas Positives. Ohne kritisches Denken würden wir noch im Mittelalter leben. Wenn Israelfeinde wirklich die Fähigkeit des kritischen Denkens und der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Phänomenen besäßen, würden sie nicht so viel Schwachsinn von sich geben.



Aber genau das ist ja der Clou, "someone". Die "Israelkritiker" verkünden ihre Vorschläge mit bestem Gewissen und würden sich selbst oftmals nicht als antisemitische Feinde Israels, die sie definitiv sind, titulieren. Noch Günter Grass gab sich mit Israel tief verbunden, als er Israel das Recht auf Selbstverteidigung absprach und von einem vermeintlich geplanten israelischen Völkermord an den Iranern schwadronierte. Und noch die, die von deutscher Staatsräson plaudern, haben meist nichts besseres zu tun, als Israel immer dann zur Mäßigung aufzufordern, wenn es sich gegen existenzielle Gefahren währt. Ansonsten ist im Interview alles gesagt: Wer spricht schon Pakistan- oder Belgienkritik?